• vom 01.02.2019, 13:21 Uhr

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Update: 01.02.2019, 13:26 Uhr

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Sie redet weiter eifrig auf die Familie ein




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Von Peter Krobath


    Die ältere Dame sei durchaus gepflegt gewesen, erzählt meine Frau. Ja, sie habe zwar vier Reisetaschen und einen prall gefüllten Rucksack mit sich geschleppt, das habe vielleicht merkwürdig gewirkt, aber weil sie durchaus gepflegt gewesen ist, Schminke, Frisur und teurer Mantel und so, hat sich meine Frau keine größeren Gedanken gemacht. Die ältere Frau habe ein ausgezeichnetes Englisch gesprochen, als sie meine Frau um 50 Euro bat. Weil sie nämlich ihre Reisegruppe verloren hat. Und sie diese ohne die 50 Euro meiner Frau wohl niemals wieder finden wird.

    Das Malheur ist ihr schon in der Slowakei passiert, sagt die Dame, und jetzt steht sie ohne Geld in Wien und weiß nicht weiter. Wenigstens gibt es hier Menschen wie meine Frau. Das sagt die Dame zwar nicht. Meine Frau hört es aber trotzdem. Am Ende hat sie der Dame 10 Euro gegeben. Und jetzt fragt sie mich, was ich davon halte.

    Na ja, nicht so leicht. Grundsätzlich bin ich einer, der gern an die gute Geschichte glaubt. Ich bin selbst zehn Jahre lang als Reiseleiter durch Europa gefahren. Seitdem weiß ich, es gibt zumindest immer einen Fall von Wahnsinn im Bus. Andererseits, die bleiben meistens im Bus sitzen. Und machen sich nicht alleine auf den Weg.

    Haben wir früher auch so viel gelogen? Oder ist das ein Merkmal unserer Zeit? Heute kann sich der Mensch ja nicht einmal mehr auf den Sex im Internet verlassen. Und auf Leute, die dich auf der Straße mit einer guten Geschichte anquatschen, schon gar nicht. Alles nur Trickbetrüger. Meine Frau meint, man kann nie wissen.

    Zwei Tage später hält die Straßenbahn am Schottentor. Ich starre stoisch in den Regen. An der Haltestelle steht eine ältere, durchaus gepflegte Dame mit vier Reisetaschen und einem prall gefüllten Rucksack am Rücken. Eben spricht sie eine Familie mit zwei kleinen Kindern an. Hinten beim McDonalds sehe ich einen Polizisten. Ich könnte den Polizisten anreden. Weiß allerdings nicht, ob der echt ist. Lieber winke ich der Dame zu. Sie hat mich nicht gesehen. Sie redet weiter eifrig auf die Familie ein.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2019-02-01 13:22:26
    Letzte Änderung am 2019-02-01 13:26:41



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