• vom 06.02.2019, 19:01 Uhr

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Update: 07.02.2019, 10:23 Uhr

Maschinenraum

Fratzenbuch




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Von Walter Gröbchen

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  • Facebook feiert einen halbrunden Geburtstag. Aber sind die Nutzer, also wir alle, wirklich in Festlaune?



Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen. Klingelt’s? Ja, Karl Valentin. Einmal mehr. Die Beschmutzung der Erinnerung an den eigensinnigen Münchner Komiker durch eine, gelinde gesagt, unsensible Preisverleihung war einer der gängigsten Facebook-Aufreger der vergangenen Wochen. Der Sog dieser Online-Kommunikationsplattform gebiert immer wieder solche Verdichtungen und Verknotungen der Volkserregung (aber vielleicht ist es genau das, womit - Kraft durch Freude revisited! - ein Volks-Rock’n’Roller des 21. Jahrhunderts kalkuliert). Hat Valentin Social Media vorausgesehen? Jedenfalls kann man der Eigendynamik des Zuckerberg-Baus, so man sich auf das unfreie Spiel der Algorithmen einlässt, kaum entkommen. So wenig wie Schneeberichten, Speisefotos ("Food Porn"), halbgaren Witzen, der österreichischen Innenpolitik und der täglichen Dosis Donald Trump. Und, ja, Tieren in allen Größen, Formen und Arten. Zuvorderst: Katzen. Facebook ist prallvoll mit Cat Content. Dieser Tage feiert das gravitätische Internet-Gebilde - es zählt inzwischen 2,3 Milliarden Nutzer und erzielte 2018 einen Umsatz von 56 Milliarden Dollar, davon fast die Hälfte Gewinn - seinen fünfzehnten Geburtstag. Auch dazu ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von allen. Wir wissen mittlerweile um die Schattenseiten von Facebook Bescheid. Jedenfalls so einigermaßen: das perfide Konstruktionsprinzip, den Suchtfaktor, die Steuervermeidung, Datenpannen und Spionage-Tendenzen, die Politik, die damit betrieben wird, und erst recht die plumpe Propaganda. Selbst Katzenfotos wurde jegliche Unschuld ausgetrieben, dank unzähliger "Cats That Look Like"-Gruppen. Like Pin-up Girls? Truthähne? Hitler? Bedenken Sie: Ihre Mieze hat Ihnen keinen Freibrief ausgestellt, sie zum Gespött der Menschheit zu machen. Gibt es überhaupt noch Lebewesen auf diesem Planeten, die nicht - freiwillig oder unfreiwillig -im Gesichtsbuch vertreten sind? Die Jungen, lese ich allenthalben, würden der Plattform den Rücken zukehren. Und sich lieber auf WhatsApp, Snapchat, YouTube und Instagram herumtreiben. Aber, seltsam: So ganz und gar verschwindet kaum jemand von Facebook. Schließlich will man sich dann doch nicht final die Möglichkeit verbauen, nachzuschauen, ob die anderen immer noch an der Leimrute festkleben. Oder ob der Herr Franz von nebenan seinen Beziehungsstatus auf "Es ist kompliziert" umgestellt hat. Ohne Zweifel lebt diese elektronische Bassena weniger von ernsthaften Dialogen und gescheiten Diskussionsbeiträgen als von Neugier, Voyeurismus, Schadenfreude, Neid, Wut, Missionarsgeist, Selbstdarstellungsdrang und Eitelkeit. Vor Jahren hatte ich einmal die Idee, eine Art komplementäres Facebook zu kreieren. Eines, das die unschönen Züge jeder Nutzerin und jedes Nutzers hervorkehrt und per Algorithmus verstärkt. Also nach dem Dr. Jekyll & Mr. Hyde-Prinzip Millionen Monster gebiert. Ich habe es "Fratzenbuch" getauft. Aber es existiert schon. Man muss sich nur die netten Katzenbaby-Bilder wegdenken. In diesem Sinn: Happy Birthday, Facebook! Frei nach Karl Valentin: Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-06 16:11:49
Letzte Änderung am 2019-02-07 10:23:51



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