• vom 08.02.2019, 14:00 Uhr

Glossen

Update: 08.02.2019, 14:23 Uhr

Glossenhauer

Diskriminierte Diskriminierer




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Der Europäische Gerichtshof hat unser Land zutiefst beleidigt. Und keiner hat’s gemerkt.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen. Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Haben Sie das gelesen? Der Generalanwalt des EuGH hat empfohlen, Österreichs Klage gegen die deutsche Maut abzulehnen. Schlimm genug für den Westaustriaken, wenn er nicht mehr gratis durch den Chiemgau brettern darf. Denn - unter uns gesagt - das kleine wie auch das große "deutsche Eck" war ja eigentlich immer ein Missverständnis. Das war unser Eck. Der Deutsche (naja, deutsch . . . der Bayer halt) durfte es nur verwalten. So ärgerlich das ist, so erschütternd ist die Begründung des Juristen: Die österreichische Klage beruhe "auf einem grundsätzlichen Missverständnis des Begriffs der Diskriminierung".

Bitte was? Will uns der heckerln? Wir kennen uns bei Diskriminierung nicht aus? Also jetzt wird es persönlich. Wer hat denn schon vor Jahrhunderten großen Teilen der Salzburger und oberösterreichischen Bevölkerung nur wegen ihres Glaubens den Weg aus dem Land hinaus gezeigt? War das etwa keine Diskriminierung? Was dann? Ein langfristiges Urlaubsangebot? Und wer hat denn 1848 den Arbeitern in der "Praterschlacht" gezeigt, wo der Bartl den Most holt? Das war echte "rohe Bürgerlichkeit", wie man sie heute nur noch in ausgewählten Villenvierteln in Döbling, Währing, Hietzing oder auch im Salzkammergut findet, wo man mit natürlicher Verachtung in Zirkeln der ungerechtfertigten Selbstüberhöhung über "Prolos" und "Sozis" parliert. Das ist doch Diskriminierungskompetenz in Blut und Loden.

Und wenn man mit Aufmerksamkeit verfolgt, wie manche Politiker und Parteien in diesem Land seit Jahrzehnten Stimmenmaximierung betreiben, indem sie immer wieder das Bild vom bösen Ausländer oder bösen Türken oder bösen Moslem oder bösen Flüchtling zeichnen, der praktischerweise kein Wahlrecht hat, weshalb man auch problemlos auf ihn eindreschen darf, ist das denn keine Diskriminierung? Was sonst? Eine ewige Faschingssitzung?

Und wenn Frauen, die sich in diesem Land politisch engagieren, und das noch dazu in aller Öffentlichkeit, anschließend Drohungen, Beleidigungen und sexualisierte Gewaltfantasien zugeschickt bekommen, ist das dann nicht diskriminierend? Sondern verklemmte Liebesbriefe im Terabyte-Format?

Gar nicht zu reden von jenen jüdischen Mitbürgern, die vor 81 Jahren von ihren Nachbarn gezwungen wurden, die Straße von Schweineblut zu reinigen. Wer hat denn das erfunden? Die Berliner? Die Stuttgarter? Die Kölner? Nein! Die Wiener! Also wenn das keine Diskriminierung war, dann was? Nur eine "Hetz", wie der Herr Karl einst meinte? Also, Hand aufs versteinerte Herz, wenn einer von Diskriminierung was versteht, dann bitte wir. Und das lassen wir uns auch von einem Luxemburger Paragrafenreiter nicht madig machen. Noch dazu von einem Schweden! Ein Volk, das selbst vor 400 Jahren brandschatzend durch Mitteleuropa gezogen ist, auch heute nichts als Massenvernichtungswaffen produziert (Cardigans und Köttbullar) und dessen Land auf der Karte aussieht wie ein verwackelter Penis.

Kurz und gut: Wer uns die Kompetenz zur Verächtlichmachung abspricht, trifft uns im Kern unseres Unwesens. Und das ist - ehrlich gesagt - total diskriminierend.





3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-08 14:05:05
Letzte Änderung am 2019-02-08 14:23:39



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Überflüssige Ski-WM
  2. Darf man Mark Twain beim Wort nehmen?
  3. Nicht die Inszenierungen sind krank, das Publikum ist es
  4. It was 100 Years ago today
  5. Fahrplan ohne Lesebrille
Meistkommentiert
  1. Diskriminierte Diskriminierer
  2. It was 100 Years ago today
  3. Vorgeschmack auf den Brexit
  4. Ist Nichtraucher zu sein ein Asylgrund?
  5. Ein wenig Rechtsbeistand kann nicht schaden

Werbung




Werbung