• vom 11.04.2007, 17:57 Uhr

Glossen


Pausenfoyer Von Edwin Baumgartner

Die Hoffnung auf ein Comeback wächst




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  • Stefania Bonfadelli dürfte tatsächlich vor einem Comeback stehen. Die italienische Sopranistin war schon in ihrer Paraderolle als Violetta in Giuseppe Verdis Oper "La traviata" an der Münchener Staatsoper angesetzt - aber es klappte noch nicht ganz. Also Absage. Der nächste Versuch soll im Juli erfolgen.

Das Schicksal hat es mit der Sängerin wahrlich nicht gut gemeint.

Dabei hatte alles so unglaublich angefangen: Mit 19 gewinnt die 1967 geborene Veroneserin einen renommierten Gesangswettbewerb, wird von Opernhaus zu Opernhaus gereicht. Natürlich fällt auf, dass diese junge Blondine bildhübsch ist, eigentlich auch als Model Karriere machen könnte. Aber es ist auch die Stimme, die fasziniert: Ein sehr persönliches Timbre hat dieser Sopran, leuchtend mit einer Spur Rauheit. Schnell ist man mit der Bezeichnung "die neue Callas" zur Hand - und überhört dabei um wie viel genauer es die Bonfadelli mit den Noten nimmt. Und spielen kann sie - und sogar tanzen. Das ist tatsächlich die Opernsängerin für das neue Jahrhundert.


Und dann, es muss Anfang 2005 gewesen sein, folgt eine krankheitsbedingte Absage auf die andere. Plötzlich steht im Raum: Stefania Bonfadelli wird nie wieder singen können.

Der Grund: Sie einen Hörsturz erlitten, der einen bleibenden Tinnitus verursacht hat.

Nun gibt es zwar den Fall der nahezu gehörlosen britischen Solo-Schlagzeugerin Evelyn Glennie. Aber hier liegt die Problematik etwas anders: Evelyn Glennie ist seit Geburt schwer hörbehindert, hat ihre Behinderung also ganz anders in ihr Leben integriert. Und sie verwendet Instrumente, die abgestimmt sind, also keiner Intonationsnuancen bedürfen. Was die Leistung Evelyn Glennies nicht schmälert: Wer einmal einen ihrer Auftritte erlebt hat, wie sie wieselflink zwischen den Instrumenten hin und her eilt, hier einen Gong weich anschlägt und dort einen Akzent auf der kleinen Trommel setzt, ehe sie unfassbare Akkordkaskaden aus dem Marimbaphon zaubert, dem bleibt der Mund fraglos offen stehen.

Aber die große Kunst des Sängers ist die Intonation, das Spiel mit den Vokalen und Konsonanten, die Nuancen der Stimmfärbung - und das ist ohne Hörkontrolle unmöglich.

Mittlerweile hatte Stefania Bonfadelli aber ihr Gehör soweit zurückgewonnen, dass sie an ein Fortsetzen ihrer Karriere denken konnte. Nur musste sie schließlich doch merken, dass sie ihre Stimme nun anders wahrnimmt. Sie muss die ihr vertrauten Rollen völlig neu erarbeiten, von vorne lernen, die Stimme mit einem nun anders funktionierenden Gehör zu kontrollieren. Und das braucht eben etwas mehr Zeit, als sie sich dafür zugestehen wollte.

Sollte es tatsächlich zu dem Comeback kommen und Stefania Bonfadelli an ihre frühere Form anschließen können, wäre das freilich das Comeback des Jahres - mehr noch: Eine der wenigen echten Sensationen, die sich in dieser Branche ereignen.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-04-11 17:57:21
Letzte Änderung am 2007-04-11 17:57:00

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