• vom 13.03.2007, 16:47 Uhr

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Update: 13.03.2007, 16:49 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Das 16er Blech macht Karriere




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  • A Eitrige, an Bugl und a 16er Blech - oba tschenifa! Wenn dieser Satz an einem Wiener Würstelstand gefallen ist, haben nur die Insider Bescheid gewusst. Das soll nun anders werden.

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung". Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Unter einer Eitrigen versteht der Urwiener eine Käsekrainer - das war ja noch nicht schwer. Ein Bugl ist ein Brotscherzl - manche haben ja ein Scherzl lieber als eine normale Scheibe Brot und geben daher eine gesonderte Bestellung auf. Das 16er Blech ist ein Dosenbier der Ottakringer Brauerei. Diese befindet im 16. Wiener Gemeindebezirk.

Und jetzt kommen wir zum schwierigsten Teil der Aufgabe. "Oba tschenifa!" ist eine Referenz an die US-amerikanische Rock- und Popsängerin Jennifer Rush, mit bürgerlichem Namen Heidi Stern. Sie hat eine Zeit lang auch in Deutschland gelebt, ihre 1985 erschienene Single "The Power of Love" war vielerorts die Nummer Eins der Hitparaden. Seither kann man statt "aber rasch" auch "aber jennifer" sagen. Die Floskel ist dann recht nützlich, wenn der Wunsch nach Bier als besonders dringlich eingestuft werden soll. "Ich bin kurz vorm Verdursten! Ein Bier - aber jennifer!"


Das wichtigste Element des Würstelstandlmenüs ist sicher die Eitrige, aber gleich an zweiter Stelle rangiert das 16er Blech. Darunter hat man bis jetzt jenes Dosenbier verstanden, das als "Ottakringer Helles" in den Supermarktregalen zu finden ist.

Seit letzter Woche ist alles anders. Denn die Ottakringer Brauerei hat ein neues Bier präsentiert, das sich "16er Blech" nennt. Es hat ein höhere Stammwürze als das "Helle", liegt im Alkoholgehalt geringfügig höher, und in der Farbe ist es eine Spur dunkler.

Ich hab's in einer Blind verkostung ausprobiert: Man kann den Unterschied tatsächlich erschmecken! Das "16er-Blech" ist teurer als das "Helle", es ist also nicht für die Trankler gedacht, sondern für den mundartbewussten Connaisseur.

Damit sind allerdings die Kommunikationsprobleme an den Wiener Würstelständen vorprogrammiert. Bisher galt ja jedes Dosenbier aus der Ottakringer Brauerei als 16er Blech. Vielleicht will sich schon morgen jemand mit einem "Ottakringer Hellem" andschecharn, aber was kriegt er - ein "16er Blech". Der andere will sich mit einem "16er Blech" zuaschittn, aber ihm wird ein "Ottakringer Helles" vor die Nase gestellt.

Dem will die Ottakringer Brauerei mit einer groß angelegten Werbekampagne vorbeugen. Das niglnaglneiche 16er Blech wird mit Slogans wie "Mei 16er Blech trink i nua in meina Aansapanier" (Wozu diese Bekleidungsvorschriften?), "Nua kane Wöön, jeda kummt zua sein Blech" (Muss sich wohl um Freibier handeln!) und "Ka Bemmerl" (Na ja . . .) beworben. Damit sollte die Verwechslungsgefahr ausgeräumt sein.

Mit einer Werbebroschüre zur Markteinführung des "16er Blechs" kann man seinen Würstelstandjargon perfektionieren. Wer "ein paar Frankfurter" will, bestellt a Poar Glatte, "eine heiße Burenwurst" läuft unter "a Haaße". Beuschelreißer und Lungentorpedo sind Synonyme für "starke Zigarette". Und hat die Würstelstandlerin Stirnfransen, dann trägt sie einen Spaghettivorhang - aber da ist man dann schon ein Schmähberger.

Außerdem findet man in der besagten Broschüre den neu entwickelten Werbespruch von Ottakringer: "Ein Dosenbier, wie es im Wörterbuch steht".

Das stimmt nicht ganz. Ins "Österreichische Wörterbuch" hat es das "16er Blech" noch nicht geschafft. In Maria Hornungs "Wörterbuch der Wiener Mundart" wird man hingegen fündig. Dort kann man unter dem Stichwort Blechweckerl lesen: "scherzhaft für eine Dose Bier (z. B. beim Würstelstand)". Vom Blechweckerl zum Blech und dann zum 16er Blech ist es wohl nicht weit.

Ihre Meinung an:

www.wienerzeitung.at/sedlaczek



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-03-13 16:47:40
Letzte Änderung am 2007-03-13 16:49:00

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