• vom 26.04.2006, 16:44 Uhr

Glossen


Sedlaczek am Mittwoch

Ein Buchstabe macht den Unterschied




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  • Schon in den 1950er Jahren ist dieses Thema aufgetaucht. Univ.-Prof. Eberhard Kranzmayer hat damals auf Anfrage der Regierung lang und gewissenhaft recherchiert. Seine Antwort: In Österreich sagt man eher "Wissenschafter", in Deutschland eher "Wissenschaftler". Eine historische Begründung für diesen Sprachunterschied konnte der berühmte Germanist nicht erkennen.

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung". Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Auch heute noch wird "Wissenschafter" im Rechtschreib-Duden als eine Form ausgewiesen, die nur in Österreich und in der Schweiz neben der Hauptform "Wissenschaftler" gebräuchlich ist. Ein Test im Internet bestätigt das: Gibt man in der Suchmaschine "Google.de" unter "Seiten aus Deutschland" die beiden Wörter ein, dann wird mit 17 Millionen Treffern eine ungebrochene Vorherrschaft der Form "Wissenschaftler" sichtbar, "Wissenschafter" kommt in Deutschland hingegen nur auf 200.000 Treffer. Anders ist das Ergebnis bei "Google.at" unter "Seiten aus Österreich". Dort kommt "Wissenschafter" mit 350.000 Treffern auf eine beachtliche Zahl, wird aber von "Wissenschaftler" mit 700.000 Treffern noch in den Schatten gestellt. Vermutlich strahlt die bundesdeutsche Form recht stark nach Österreich herein.

Warum ist "Wissenschaftler" in Österreich nicht so dominierend wie in Deutschland? Ableitungen mit "-ler" sind in der deutschen Sprache an sich keine Seltenheit. Sie dienen beispielsweise dazu, um aus dem Wort für einen Gegenstand ein Wort für jene Person zu machen, die diesen Gegenstand anfertigt: aus "Tisch" wird "Tischler". Im politischen Bereich und bei staatsnahen Unternehmungen funktioniert das sogar bei Abkürzungen und dient dazu, die Mitglieder dieser Organisation zu bezeichnen: ÖVPler, SPÖler, ÖGBler, ÖBBler etc. Als Jörg Haider das BZÖ gegründet hat, war gleich von BZÖlern die Rede.


ÖVPler, SPÖler, BZÖler - diese Bezeichnungen haben alle einen leicht abwertenden Charakter. Sie werden eher vom politischen Gegner benützt und dienen kaum zur Selbstdefinition. Das färbt auch auf "Wissenschaftler" ab. Bei anderen Ausdrücken ist es ähnlich. So wird sich ein Funktionär der Gewerkschaft immer als "Gewerkschafter", nie aber als "Gewerkschaftler" bezeichnen. In der Österreichischen Post ist der umgangssprachliche Ausdruck "Postler" verpönt, stattdessen heißt es "die Postmitarbeiter". Die Abneigung gegen "l"-Formen scheint in Österreich recht weit verbreitet zu sein.

Zu guter Letzt habe ich das Wort "Wissenschafter" in das Internet-Lexikon Wikipedia eingegeben. Dort wird man zunächst einmal zur Begriffsklärung auf eine spezielle Seite umgeleitet. Demnach dient "Wissenschafter" (a) in Österreich und in der Schweiz als Ausdruck für "Wissenschaftler" und (b) in Deutschland als Bezeichnung für ein Mitglied des Deutschen Wissenschafter-Verbandes (DWV).

Bei diesem handelt es sich um eine akademische Verbindung, die schon in der Zwischenkriegszeit das Farbentragen freigestellt und die Mensur verworfen hat, wie man einen Mausklick weiter nachlesen kann. Seit 1977 sind auch Frauen als Mitglieder erwünscht. Dennoch werden in Deutschland die "Wissenschafter" des DWV manchmal mit den schlagenden Burschenschaftern (immer ohne "l") in einen Topf geworfen - dagegen verwahrt sich wiederum der DWV.

In Deutschland mag das durchaus Auswirkungen auf die Frage "Wissenschaftler oder Wissenschafter" haben. Was Österreich anlangt, ist der abwertende Charakter der "l"-Formen so stark, dass die Medien "Wissenschafter" bereitwillig verwenden, auch in Zusammensetzungen wie "Sprachwissenschafter", "Naturwissenschafter", "Sozialwissenschafter" etc.

Ihre Meinung an: www.wienerzeitung.at/sedlaczek



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-04-26 16:44:06
Letzte Änderung am 2006-04-26 16:44:00

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