• vom 21.04.2009, 16:18 Uhr

Glossen


Sedlaczek am Mittwoch

Stopp der Genitivitis - rettet den Dativ!




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  • Alle wollen den Genitiv retten. Aber gefährdet ist doch der Dativ! Er wird mancherorts massiv vom Genitiv verdrängt. Das Phänomen hat bereits einen Scherznamen: Genitivitis.

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung". Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Bastian Sick macht sich Sorgen um den Genitiv. Der 2. Fall oder Wes-Fall gerate immer mehr ins Hintertreffen. An seiner Stelle werde der Dativ verwendet, der 3. Fall oder Wem-Fall. Daher der Buchtitel: "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod". In dieselbe Kerbe schlägt der Duden-Verlag. Er hat vor kurzem das Buch "Im Zweifel den Genitiv" herausgebracht. Ob da nicht ein bisserl übertrieben wird?


Es gibt eine beträchtliche Zahl an Zweifelsfällen, wo wir zwischen Dativ und Genitiv schwanken. Darunter sind auch solche, wo nur der Dativ richtig ist! Wer im Zweifel immer den Genitiv verwendet, macht Fehler - wie ein Blick in die Tageszeitungen zeigt.

Da berichtet die "Kärntner Krone", dass eine Lenkerin mit 1,5 Promille nahe des Klagenfurter Südrings geschnappt worden sei. Das ist falsch. Die Frau wurde nahe dem Klagenfurter Südring angehalten. Die Zeitung "Österreich" erläutert, wie die Schweizer Regierung zusammengesetzt wird: "... entsprechend des Wahlergebnisses nach der sogenannten Schweizer Zauberformel..." Richtig ist: "... entsprechend dem Wahlergebnis .. ."

Auch Qualitätszeitungen vergreifen sich von Fall zu Fall. "Die Presse" befasste sich vor kurzem am Beispiel der Politikerin Eva Glawischnig mit der Frage: Dürfen Frauen in Top-Positionen Babys kriegen? "Natürlich bleibt es selbst mit ausgezeichnetem Netzwerk herausfordernd, berufstätige Mutter zu sein, samt aller kleinen und mittleren Katastrophen: krankes Kind ..." Hier sollte stehen: "... samt allen kleinen und mittleren Katastrophen .. ."

Die Zeitung "Der Standard" schreibt unter der Überschrift "Eine Stadt im Bann eines Prozesses": "Gegenüber des Haupteingangs wurde auf der Wiese eine kleine Tribüne für Kamerateams errichtet." Die Tribüne stand aber gegenüber dem Haupteingang. Wir haben es hier allesamt mit Präpositionen zu tun, die strikt den Dativ verlangen: nahe, entsprechend, samt und gegenüber .

Der deutsche Publizist Michael Skasa ging mit Journalisten, die solche Fehler machen, streng ins Gericht. Für mich sind es lässliche Sünden. Wahrscheinlich sündige auch ich hin und wieder. In vielen Fällen lässt sich mit logischen Argumenten nicht erklären, warum einmal der Wes-Fall steht und einmal der Wem-Fall. Noch dazu ändern sich die Regeln im Laufe der Zeit. Die Präposition trotz hat ursprünglich den Dativ verlangt. Dann ist plötzlich der Genitiv zum Zug gekommen. Heute gilt er als feiner: "Trotz des starken Regens wurde das Rennen gestartet." Dennoch heißt es weiterhin trotzdem und trotz alledem . Das ist noch der alte Dativ.

Zu allem Überfluss können manche Präpositionen sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Genitiv verwendet werden. Bei binnen ist beides richtig - der Dativ und der Genitiv: binnen einigen Jahren/binnen einiger Jahre. Gleiches gilt für die Präposition dank . ... dank dem schnellen Eingreifen der Polizei/dank des schnellen Eingreifens der Polizei.. . Es sind Sachen zum Auswendiglernen.

Warum neigen wir dazu, den Genitiv zu verwenden, wenn der Dativ richtig ist? Michael Skasa hat es treffend formuliert: "Der (falsch gebrauchte) Genitiv ist der abgespreizte kleine Finger beim Mokkatässchenhalten." Der Genitiv klingt wertvoller. In der Mundart gibt es ja keinen Genitiv: dem Vatern sei´ Huat statt der Hut des Vaters.

Wir werden also darauf gedrillt, in der Standardsprache den Genitiv dort zu verwenden, wo wir mundartlich und auch umgangssprachlich den Dativ gebrauchen. Manchmal schießen wir übers Ziel. Auch bei den besagten Präpositionen.

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sedlaczek

sedlaczek@wienerzeitung.at



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-04-21 16:18:27
Letzte Änderung am 2009-04-21 16:18:00

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