• vom 02.12.2008, 16:16 Uhr

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Update: 02.12.2008, 16:17 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Robert Weil - wer war denn das?




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  • Diesmal geht es um eine Redewendung, die nicht vergessen werden sollte. Ihrem Schöpfer ist genau das passiert: Er wurde vergessen. Oder wissen Sie, wer Robert Weil war?

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung". Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

In groben Zügen habe ich es schon gewusst. Was bedeutet das, wenn jemand poldi-huberisch schreibt? Er macht Fehler in der Orthografie, bedient sich einer unbeholfenen Ausdrucksweise, gespickt mit ungewollten Zweideutigkeiten. Aber man kann auch poldi-huberisch reden. Jemand, der normalerweise Dialekt spricht, versucht, sich in der Schriftsprache auszudrücken. Manche Fußballer und Trainer reden so.


Ein Blick ins Internet fördert den Schöpfer der Figur Poldi Huber zutage. Es war der 1881 in Wien geborene Robert Weil, eine Säule des österreichischen Kabaretts, ein erfolgreicher Schriftsteller, Bühnen- und Drehbuchautor.

Schon 1927 arbeitet er zum ersten Mal mit Ernst Marischka zusammen. Bis 1938 schaffen die beiden zahlreiche Filme und Theaterstücke - sie tragen entweder Ernst Marischkas Namen oder sind als Werke von Gustav Holm ausgewiesen, ein Pseudonym, das Weil auf Anraten eines Freundes angenommen hat, damit kein Bezug zu seiner jüdischen Herkunft hergestellt werden kann. Weils größter Theatererfolg ist ein Singspiel über Kaiser Franz Joseph und Elisabeth von Bayern: "Sissys Brautfahrt" - ein Glücksfall für die Brüder Marischka, besonders für Hubert, den Leiter des Theaters an der Wien.

Aber bald verschwindet auch der Name Gustav Holm von den Theateranzeigen - wegen der Nürnberger Rassengesetze. Ernst Marischka figuriert fortan allein auf den Plakaten und Programmen. Nach dem Anschluss muss Robert Weil Österreich verlassen, über Prag und Zürich gelangt er nach New York.

Was wissen wir noch über Robert Weil? Er lebte bescheiden und war vielen Kollegen gegenüber zu gutgläubig. Seine "Schulaufsätze des Poldi Huber" sind 1913 erstmals erschienen, unter dem Pseudonym "Homunkulus". Sie waren viele Jahrzehnte hindurch ein Bestseller. In einem Antiquariat habe ich eine Ausgabe aus dem Jahr 1963 erstanden, und dort findet sich ein Vorwort von Jörg Mauthe. Er schildert, wie der Poldi Huber Eingang in den "Watschenmann" des Senders "Rot-Weiß-Rot" gefunden hat. "Ich glaube, es war der Schauspieler-Autor Wolf Neuber, der ihn (den Poldi Huber) eines schönen Aufnahmetages daherbrachte, und jedenfalls war er es, der ihm dann einige Jahre lang die verschnupfte und raffiniert-naive Stimme verlieh. Seltsamerweise dachte keiner von uns daran, dass dieser Poldi Huber irgendwann einmal einem Autorengehirn entsprungen sein musste . . ."

Bis Post aus Übersee kam. "Wir waren ziemlich betreten, als eines Tages ein Brief aus Amerika eintraf, in dem Dr. Robert Weil in weise-ironischen Worten sein Autorenrecht zugleich anmeldete und darauf auch schon wieder verzichtet: er freue sich, dass sein Kind noch lebe und wünsche ihm alles Gute. Ein wenig geniere ich mich heute noch unserer damaligen Schlamperei in solchen immerhin geistigen Belangen, aber heute noch neige ich dazu, sie für wenn schon nicht verzeihlich, so doch für begreiflich zu halten; was gibt es denn auch Schöneres für einen Autor, als mitanzusehen, wie sich seine Figuren selbständig machen und sozusagen als ihre eigenen Autoren unter das Volk zurückkehren . . ." Einige Absätze weiter schiebt Jörg Mauthe dann ein paar dürre biographische Angaben nach: "Dr. Robert Weil wurde 1881 in Wien geboren und blieb von ganzem Herzen Wiener, bis er im Jahre 1960 in New York starb."

Mauthe schließt mit dem Wunsch, dass der Poldi Huber den Robert Weil überleben möge - "bis zum letzten Tage Wiens". Gut so. Aber auch die Lebensgeschichte seines Schöpfers sollte uns in Erinnerung bleiben.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-12-02 16:16:56
Letzte Änderung am 2008-12-02 16:17:00

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