• vom 05.07.2011, 16:27 Uhr

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Update: 05.07.2011, 16:40 Uhr

Sprache

Babenberger, nicht Habsburger




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Irrtümer sind dazu da, um korrigiert zu werden.
  • Eine wichtige Eigenheit des Wienerischen ist etwas älter, als ich geglaubt habe.



Unlängst habe ich an dieser Stelle von meinem Freund Bernhard aus dem Aargau berichtet. Er macht sich so seine Gedanken über die Rolle der Dialekte in der Schweiz und in Österreich. Die Unterschiede könnten ja gravierender nicht sein. "Als in der Schweiz geborener Österreicher verstehe ich das Wienerische perfekt, habe aber nie so geredet. Meine Eltern, beide aus dem Großraum Wien, haben untereinander stets Dialekt gesprochen, mit mir aber Hochdeutsch. In Österreich sind die Übergänge zwischen Dialekt und Hochsprache fließend, und das Einflechten von Dialekt gibt einem die Möglichkeit, auszudrücken, dass man auf eine informelle Art kommuniziert. Daneben gilt der Dialekt aber auch als Unterschichtenphänomen. In der Schweiz wird Dialekt und Hochsprache nicht vermischt, der Dialekt ist wie eine eigene Sprache, seine Verwendung sagt nichts über das soziale Niveau aus."


Das ist schön formuliert. Ich habe in der eingangs erwähnten Kolumne außerdem einen Zusammenhang zwischen dem Aargau und einem Spezifikum des Wienerischen hergestellt. Unter Berufung auf den Sprachwissenschafter Eberhard Kranzmayer schienen mir die Habsburger dafür verantwortlich zu sein, dass in Wien "Stein" nicht zu "Stoa" geworden ist, sondern zu "Staa". Sprachwissenschafter haben damit ein Problem, weil eine Entwicklung von "Stoa" zu "Staa" lautgesetzlich nicht plausibel ist. Gesucht war also ein Dialekt, in dem der Stein als "Stää" ausgesprochen wird.

Kranzmayer glaubte diesen Dialekt im Aargau gefunden zu haben. Demnach hätten dann die aus dem Aargau stammenden Habsburger diese Sprachgewohnheit nach Wien gebracht. Das wäre der Grund, warum die Wiener "Staa" sagen, während es ringsum "Stoa" heißt - weite Teile Kärntens ausgenommen.

Da Kranzmayer, dem Begründer der modernen Dialektologie, in solchen Fragen eine hohe Kompetenz zuerkannt wird, habe ich die Angaben ungeprüft wiedergegeben - ein Fehler. Universitätsprofessor Peter Wiesinger weist mich darauf hin, dass Kranzmayer hier ein Irrtum unterlaufen ist. Es können nicht die Habsburger gewesen sein, denn im Aargau wird Stein ganz normal ausgesprochen, nicht als "Stää". Bernhard hat mir das bestätigt.

Wiesinger legt in einem wissenschaftlichen Beitrag dar, dass die Aussprache "Staa" höchstwahrscheinlich auf das rheinfränkische Königshaus der Salier zurückgeht. In Österreich war der Babenberger Markgraf Leopold IV. (1095-1136) mit Agnes, der Tochter Kaiser Heinrichs IV. aus dem salischen Königshaus verheiratet - beide sind jedem Schüler durch die Stichwörter "Schleierlegende" und "Stift Klosterneuburg" bekannt. Wie ging es also vor sich? Agnes brachte aus ihrer Heimat die Gefolgschaft und die Aussprache "Stää" mit. Der Adel nahm diese Neuerung auf, später auch das Bürgertum und die restliche Stadtbevölkerung. Im 13. Jahrhundert wurde dann "Stää" zu "Staa".

Ähnlich ist die Entwicklung in Kärnten verlaufen. Dort haben von 1122 bis 1269 die rheinfränkischen Sponheimer regiert. Damit lässt sich auch erklären, warum Wien und Klagenfurt bei diesem Sprachmerkmal konform gehen - gegen den Rest Österreichs.

Ja, lieber Bernhard, es waren die Babenberger, nicht die Habsburger. Schade, denn damit ist der von mir hergestellte Zusammenhang zwischen Dir, dem Aargau und dem Wienerischen nur eine Chimäre.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Vor kurzem ist im Haymon-Taschenbuchverlag sein "Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs" erschienen.




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Sprache, Glossen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-07-05 16:34:04
Letzte Änderung am 2011-07-05 16:40:56


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