• vom 08.07.2011, 14:00 Uhr

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Mit "See-Anstoß"




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Von Verena Mayer

  • wien / zürich

Bevor ich in die Schweiz gezogen bin, habe ich oft damit gehadert, im öden Zürich leben zu müssen. Meine Wiener Freunde hatten natürlich Mitleid, die Weisheit vom doppelt so lustigen Zentralfriedhof sitzt in Wien bekanntlich tief. Irgendwann kam dann immer der folgende Satz: "Bestimmt ist Zürich gar nicht so öd. Dort gibt es schließlich eine Drogenszene."


Das ist schon erstaunlich. Zum einen gibt es in Zürich schon seit Jahren keine Drogenszene mehr. Die Tage des "Zürri brännt", als Leute aus aller Welt nach Zürich kamen, um sich in einer Art gesetzesfreien Zone hinter dem Bahnhof oder am Fluss zu tummeln, liegt in etwa so lange zurück wie die Zeit der bunten Vögel in der Wiener ÖVP. Heute stolpern die Drögler, wie die Junkies in Zürich genannt werden, zitternd und frierend durch die Innenstadt, wie anderswo auch.

Was mich aber noch mehr verblüfft: Seit wann ist die Drogenszene unterhaltsam? Was meinen die Leute damit? Das blaue Licht in den Liften und Hauseingängen, damit man die Venen nicht sieht? Den Kitzel, Sandkisten abzusuchen, ob darin vielleicht eine Spritze versteckt ist?

Ich weiß, was Drogenszene bedeutet. Als ich noch in Berlin gelebt habe, wohnte ich mit ihr gewissermaßen unter einem Dach. Einer meiner Nachbarn war Heroindealer. Als solcher war er entweder unfähig oder fies, jedenfalls hatte er nie Heroin. Die Süchtigen bekamen von ihm, wie mir die Polizei später erzählte, ein Schmerzmittel, das unter den unerwünschten Nebenwirkungen Aggression auflistet. Die Kunden des Dealers rannten durch unser Stiegenhaus und hauten mit den Fäusten gegen die Fensterscheiben. Unser Haus sah jeden Morgen aus wie die Straßen von Athen nach der Verkündung des jüngsten Sparpakets. Ich brauche keine Drogenszene, um mich zu unterhalten.

Dafür habe ich in Zürich eine Ablenkung gefunden, die auch mit Abtauchen zu tun hat: den Zürichsee. Grünblau im Sommer, grau im Winter, an manchen Tagen sieht man am Horizont die schneebedeckten Gipfel der Bergketten. Kein Wunder, dass alle am liebsten eine Wohnung mit "See-Anstoß" hätten, wie das in Zürich so schön heißt.

Am See finden die irrsten Dinge statt. Zum Sechseläuten zum Beispiel, einem der höchsten Feiertage, drängt sich ganz Zürich am Ufer zusammen und sieht zu, wie ein Schneemann aus Stroh angezündet wird, während Männer in seltsamen mittelalterlichen Kostümen darum herum marschieren. Frauen dürfen dabei nicht mitmarschieren, sondern müssen mit Blumen am Straßenrand stehen und den Männern zuwinken, aber das ist eine andere Geschichte. Je länger ich in Zürich bin, desto weniger kann ich mir vorstellen, je wieder in einer Stadt ohne See zu leben.

Verena Mayer, geboren 1972 in Wien, Journalistin und Autorin, lebt nach zehn Jahren in Berlin nun in Zürich.




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Extra, Wien-Zürich

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Dokument erstellt am 2011-07-07 20:14:01


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