• vom 21.12.2005, 00:00 Uhr

Glossen


Robert Sedlaczek am Mittwoch

Leopold Figls echte Weihnachtsbotschaft




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  • Das Gedenkjahr 2005 geht dem Ende zu, da wird Bundeskanzler Leopold Figl gern mit folgenden Worten zitiert: "Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben. Ich kann Euch für den Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben. Kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!"

Es war ORF-Chefredakteur Horst Friedrich Mayer, der in seinem "Lexikon der populären Irrtümer Österreichs" darauf hingewiesen hat, dass die Tonaufzeichnung dieser fünf legendären Sätze nicht aus dem Jahr 1945 stammt, sondern aus dem Jahr 1965. Für eine Großveranstaltung "20 Jahre Zweite Republik" hat der damals bereits todkranke Figl mit schwacher Stimme den Text auf Band gesprochen. Der ORF hat diese Aufzeichnung seither dutzende Male ausgestrahlt, und jedes Mal tut er so, als ob es sich um ein Tondokument aus dem Jahr 1945 handeln würde zuletzt am Sonntag in der Sendung "Hohes Haus".


Hat Leopold Figl 1945 überhaupt eine "Weihnachtsansprache" im Radio gehalten? Weder in der "Wiener Zeitung" noch in anderen Tageszeitungen findet man auch nur eine einzige Zeile über eine Weihnachtsansprache des Kanzlers. Dabei müsste man doch erwarten, dass die berührenden Worte in der Presse Niederschlag gefunden haben!

Es gibt auch keine Abschrift der Rede, überliefert sind nur die erwähnten fünf Sätze. Sie stehen in einer Festschrift, die 1962 zum 60. Geburtstag Figls erschienen ist. Dort ist diese Passage allerdings als "Weihnachtsbotschaft" ausgewiesen, nicht als "Rundfunkrede".

Wie die Sätze in die Festschrift gekommen sind, ist unklar, die Herausgeberin konnte sich daran nicht mehr erinnern. Ich halte es für wahrscheinlich, dass Figl gefragt worden ist: "Was war damals Ihre Botschaft an die Österreicher?" In einer Art Rückbesinnung könnte er gesagt haben: "Ich kann euch zu Weihnachten nichts geben . . ." Jedenfalls ist Figl diese Festschrift vorgelegen, als er den Text 1965 auf Band gesprochen hat.

Sind also jene viel zitierten Worte, mit denen die Stimmung zu Weihnachten 1945 beschrieben wird, ein Mythos? Es sieht so aus. Allerdings hat Figl in seiner Regierungserklärung im Parlament ähnliche Formulierungen verwendet. Sie sind in der "Wiener Zeitung" vom 22. Dezember 1945 abgedruckt: "In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten. Weihnachten ist für uns ein Hochfest der Familie. Es wird heuer leider kein Weihnachten sein, so wie wir es gerne haben möchten. Auf den Christbäumen, wenn wir welche haben, wird ein schönes Päckchen voll Sorgen hängen." Dann folgt ein Appell, am Aufbau eines neuen, demokratischen Österreich mitzuarbeiten.

Die echte Weihnachtsbotschaft Figls war also ein Teil der Regierungserklärung. Und diese ist 1945 im Radio sicherlich zu hören gewesen.

Ihre Meinung an: www.wienerzeitung.at/sedlaczek



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Dokument erstellt am 2005-12-21 00:00:01
Letzte Änderung am 2005-12-20 18:42:00


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