• vom 04.01.2011, 17:11 Uhr

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Update: 04.01.2011, 17:12 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Hättiwari - eine Lebensphilosophie




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Von Robert Sedlaczek

  • Neue Wörter entstehen nicht zufällig - es muss einen Bedarf geben.
  • Und einen Nährboden, auf dem sie gedeihen können.

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung". Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

In den vergangenen Tagen und Wochen habe ich Wörter und Redewendungen gesammelt: für ein "Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs". Es wird im März im Innsbrucker Haymon-Verlag erscheinen und soll vor allem die Grauzone zwischen Umgangssprache und Mundart gut beleuchten. Das typisch Österreichische also.


Dabei bin ich auf ein Wort gestoßen, das bei uns entstanden sein muss und sich inzwischen einer großen Beliebtheit erfreut - Hättiwari. Der Ausdruck ist österreichisches Deutsch. Schon in Bayern ist er nur noch selten zu hören, in Frankfurt, Hamburg und Berlin ist er unbekannt.

Die Entstehungsgeschichte muss man sich so vorstellen: Da hat einmal jemand am laufenden Band Sätze nach folgendem Muster produziert: "Hätt i gestern die richtigen Lottozahlen getippt, war i heute schon in der Karibik und nicht in der Hacken." Dieses Selbstmitleid ist seinen Mitmenschen so auf den Wecker gegangen, dass sie ihn nachgeäfft haben: "Ja, ja! Hätt i... war i.. ."

Wie immer lässt sich nicht ausmachen, wer die Neuschöpfung erfunden hat. Unbestritten ist, dass dem österreichischen Rennfahrer Gerhard Berger die Ehre zuteil wird, diesem Konstrukt eine neue Dimension verliehen zu haben: Kein Gejammere, sondern eine Art Vergangenheitsbewältigung. "Wenn ich nicht beim Anbremsen der Schikane die Kontrolle über das Auto verloren hätte, wäre ich am Podest gestanden." Vermutlich lassen sich Fahrfehler mit dieser Argumentation besser verkraften, es tut der Psyche gut. Gleichzeitig werden Niederlagen als Beinahesiege verkauft, das tut dem Image gut. Vielleicht hat Gerhard Berger deswegen in der Formel 1 mit einem Minimum an Siegen ein Maximum an Geld verdient.

Ein zweiter Name, der in diesem Zusammenhang genannt werden muss, ist der langjährige und legendäre "Kurier"-Kolumnist Herbert Hufnagl. Seine Kolumnen mit dem Titel "Kopfstücke" sind noch vielen in Erinnerung. Hufnagls Verdienst war es, dass sich "Hätt i... war i.. ." vom Schlagwort zum vollwertigen Substantiv entwickeln konnte. Unermüdlich und überaus geistreich hat er Hättiwaris beschrieben und kommentiert. Da war es dann nur mehr ein kleiner Schritt zu einem Nomen Agentis, zu einem Substantiv, das den Träger dieses Verhaltens charakterisiert. Der Hättiwari war geboren.

Ich habe den Eindruck, dass viele Österreicher eingefleischte Hättiwaris sind, ja dass Hättiwari ein Teil unserer Lebensphilosophie ist. Das könnte auch mit der Geschichte unseres Landes zusammenhängen. Hätten es die Habsburger verstanden, das Nationalitätenproblem zu lösen, wären wir heute noch ein Weltreich. Hätten wir in Königgrätz gewonnen, wären wir die führende Nation im deutschen Sprachraum usw.

Während in der Geschichtsschreibung solche Überlegungen als dubios gelten, haben sie in der Philosophie ein hohes Ansehen. Dort spricht man von Kontrafaktizität. Es ist dasselbe wie Hättiwari, nur auf einem hohen Niveau. Kontrafaktische Aussagen, also solche, die bewusst gegen die Realität verstoßen, bringen seit jeher beträchtlichen Erkenntnisgewinn. Ludwig Wittgenstein hat etwa mit dem Gedanken gespielt, wie es denn wäre, wenn jemand eine eigene Privatsprache entwickelt, aber mit niemandem kommuniziert. Daraus zog er den Schluss, dass die Sprache samt ihren Regeln nur durch ihren Gebrauch, das heißt intersubjektiv, entsteht. Das ist Hättiwari in der Philosophie.

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die

Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch".



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2011-01-04 17:11:43
Letzte Änderung am 2011-01-04 17:12:00

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