• vom 12.07.2011, 17:11 Uhr

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Update: 12.07.2011, 17:35 Uhr

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Heimat großer Töchter, Söhne!




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Keinem richtigen Mann wird ein Stein aus der Krone fallen, wenn in der Bundeshymne auch die Töchter vorkommen.



Letzte Woche müssen einige Nationalratsabgeordnete der ÖVP wohl das Hirn ausgeschaltet haben. Sonst wären sie nicht auf die Idee gekommen, durch Filibuster zu verhindern, dass Maria Rauch-Kallat in ihrer Abschiedsrede für eine Änderung des Textes der Bundeshymne eintritt. Ja, Filibuster, so heißt das. Es handelt sich um eine Praxis aus dem US-Senat: Eine Minderheit will durch Marathonreden die Verabschiedung eines Gesetzes torpedieren. In diesem Fall fühlten sich die Männer der ÖVP in der Minderheit, wie seltsam.


Ich möchte aus meiner Meinung kein Hehl machen: Ich bin für die Textzeile "Heimat großer Töchter, Söhne". Das wäre auch
deshalb wichtig, weil es ja nicht gut ist, wenn Teile der Bevölkerung, darunter viele engagierte Frauen, sagen: "Das ist nicht meine Hymne!"

Was wurde gegen die Änderung ins Treffen geführt?

Erstens: "Habt ihr keine anderen Sorgen? Gibt es nicht Wichtigeres?" Wir kennen diese Floskeln. Da setzt sich jemand dafür ein, dass die Frauen in die Hymne hineinkommen, schon heißt es: "Die Gleichstellung im Berufsleben ist dir egal?" Wer gegen die Atomkraft ist, dem werden die Hungernden in Afrika vorgehalten usw. Leider gibt es vieles auf dieser Welt, das ein Engagement rechtfertigt.

Zweitens: "In den Text einer Dichterin darf man nicht eingreifen." Da muss man sich die Geschichte der Hymne vergegenwärtigen. Paula von Preradovic hat an einem Wettbewerb teilgenommen und einen Text eingesandt. Die Bedingungen: Falls sie gewinnt, erhält sie ein Preisgeld von damals beachtlichen 10.000 Schilling und die Rechte gehen an die Republik Österreich über. Folglich erhalten auch die Erben keine Tantiemen, wenn die Bundeshymne gespielt wird. Folglich hat auch die Republik Österreich das Recht, den Text zu ändern.

Vertreter der Republik haben schon 1946 vor der Beschlussfassung im Ministerrat an dem Text gefeilt. Die Passage, um die es jetzt geht, hat im Original gelautet: ". . . großer Väter freie Söhne". Erstaunlich: "Heimat, bist du großer Söhne" stammt gar nicht von Preradovic!

Drittens: "Paula von Preradovic hat unter dem Begriff Söhne auch die Töchter verstanden." Wenn ihr Sohn das heute sagt, glaube ich es. Aber seither ist viel Wasser den Donaustrom hinuntergeflossen. Soll die Handballnationalmannschaft der Frauen bei einem internationalen Bewerb "Heimat, bist du großer Söhne" singen? Ich behaupte: Würde Paula von Preradovic noch leben, würde sie den Sprachwandel spüren und wäre für die Änderung.

Viertens: "Fummeln wir nicht an der Hymne herum! Suchen wir eine neue mit einem zeitgerechten Text!"

Das ist der fieseste Einwand. Man will den Frauen nicht den Erfolg gönnen, dass sie die Töchter in die Hymne hineinreklamiert haben. Die Suche nach einem neuen Text würde sicherlich Jahre dauern und im Dissens enden.

Fünftens: "Der neue Text passt nicht zur Melodie!" Er passt sehr wohl. Aber der Originaltext hat sich gegen die vorgegebene Melodie gesperrt. Sie stammt übrigens nicht von Mozart, sondern von einem "Claviermeister" namens Johann Holzer. Es ist die Melodie eines Freimaurerliedes. Darüber hat man sich früher maßlos aufgeregt, heute stört das niemanden.

Die Änderung der Hymne wäre also ein symbolischer Akt zugunsten der Frauen. Wie kann man als Gentleman dagegen opponieren? Und wo gibt es noch ein Gesetzesvorhaben, das eine große Wirkung hat und keinen Cent kostet?

In meiner letzten Kolumne habe ich Agnes, die Tochter Heinrichs IV., als Ehefrau des Babenbergers Leopold IV. bezeichnet. Richtig wäre gewesen: Leopold III. Ich bedaure den Irrtum und bitte darum, mir das nachzusehen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-07-12 17:18:04
Letzte Änderung am 2011-07-12 17:35:14


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