• vom 02.08.2011, 15:56 Uhr

Glossen

Update: 03.08.2011, 16:31 Uhr

Sprache

Per Du und doch per Sie




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wer mit den Tücken der deutschen Grammatik nicht auf Du und Du ist, wählt mit den Sie-Formen die einfachere Variante.



Bei einem Kurzurlaub in Ungarn haben meine Frau und ich eine Ungarin namens Marta kennengelernt. Sie hat uns die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt gezeigt, abends kredenzte sie uns hervorragende Wildgerichte. Wir plauderten stundenlang über dies und das, während uns ihr Mann selbst gebrannte Schnäpse servierte.


Marta spricht mehrere Fremdsprachen, Deutsch ist ihre schwächste. Weil sie aber ihre Kenntnisse verbessern will, haben wir nicht englisch, sondern deutsch gesprochen. Schon die ganze Zeit fiel mir auf, dass uns Marta mit Sie anspricht, und am Ende des dritten Tages habe ich sie gefragt, ob wir nicht auf das vertrauliche Du wechseln können. Marta war sofort einverstanden, wir vier haben Bruderschaft getrunken. Doch gleichzeitig hat sie angekündigt, im Gespräch mit uns weiterhin Sie zu verwenden, weil ihre Grammatikkenntnisse für das Du nicht ausreichen würden.

Es ist in der Tat so. Wer seinen Gesprächspartner duzt, der muss mit der 2. Person Singular vertraut sein. Ein Beispiel für so einen Du-Satz könnte lauten: "Gehst du jetzt weg?" Um das zu formulieren, muss man die Formen "ich gehe, du gehst, er geht" kennen. Ist man mit jemandem per Sie, dann genügt es, die Nennform gehen im Kopf zu haben. "Gehen Sie jetzt weg?" Wir waren also mit Marta per Du, doch auf Deutsch hat sie uns weiterhin gesiezt.

Das ist interessant. Obwohl sich normalerweise die einfachere Form durchsetzt - das wäre in diesem Fall die Sie-Form -, erfreut sich das Duzen im Deutschen einer steigenden Beliebtheit. Wenn meine Tochter in einem Geschäft eine CD kaufen will und die etwa gleichaltrige Verkäuferin um einen Rat fragt, dann sind die beiden per Du. Das ist Teil der Jugendkultur. "Es wäre komisch, wenn wir uns mit Sie ansprechen. Im Englischen geht es ja auch ohne die altmodische Unterscheidung zwischen Sie und Du."

Dem muss ich allerdings entgegenhalten, dass es auch im Englischen Methoden gibt, um Distanz und Vertrautheit auseinanderzuhalten. Als ich in einer amerikanischen Nachrichtenagentur arbeitete, konnte ich zwar meinen Vorgesetzten mit "you" anreden, doch waren wir damit noch lange nicht per Du. Erst als mein Chef "You can call me John!" zu mir sagte, war die Schwelle von der Sie-Welt in die Du-Welt überschritten. Von diesem Zeitpunkt an war ich für ihn "Robert". Es war so, wie wenn wir Bruderschaft getrunken hätten.

Es scheint also eine Sehnsucht nach solchen Konventionen zu geben, auch wenn sie in der Sprache nicht angelegt sind. Nur wenn es derartige Barrieren gibt, können sie eines Tages niedergerissen werden, womit eine neue Phase einer Beziehung signalisiert wird.

Auf das Deutsche lässt sich das englische Prinzip der Anrede mit einem Vornamen nicht übertragen. Den Kellner in meinem Stammlokal nenne ich Hans, obwohl ich mit ihm nicht per Du bin. Ich sage: "Hans, können Sie mir noch eine Melange bringen?" Und ihm würde nicht einmal im Traum einfallen, zu mir Robert zu sagen.

Andere Sprachen, andere Sitten. Jedenfalls habe ich mich mit Marta darauf geeinigt, dass ich weiterhin ordentliche Du-Sätze formuliere. Ich will auch nicht in das Gastarbeiter-Deutsch verfallen. "Du trinken Rotwein?" Marta bleibt vorläufig bei der Sie-Form - bis ihre Deutschkenntnisse für korrekte Du-Formen ausreichen. Und wir haben Marta nach Wien eingeladen. Vielleicht sagt sie dann nach einigen Tagen Du zu uns.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Vor Kurzem ist im Haymon-Taschenbuchverlag sein "Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs" erschienen.




Schlagwörter

Sprache

3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-08-02 16:02:11
Letzte Änderung am 2011-08-03 16:31:16


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Versunkene Wortschätze
  2. Digitales Verdummungsverbot
  3. Hysterisch wertvoll
  4. "Der Mirko und die Jagoda haben serbisch gesprochen. . ."
  5. Der Jogger muss doch auch nicht im Schritttempo laufen
Meistkommentiert
  1. "Der Mirko und die Jagoda haben serbisch gesprochen. . ."
  2. Versunkene Wortschätze
  3. Nur eine Volksabstimmung kann das Rauchverbot noch verhindern
  4. Vorweihnachtszauber
  5. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt

Werbung




Werbung