• vom 09.08.2011, 16:03 Uhr

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Update: 09.08.2011, 16:11 Uhr

Sprache

Die heile Sprachwelt des Karl Hirschbold




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Sprachliche Spitzfindigkeiten, die zum Verständnis nicht unbedingt notwendig sind, geraten bedauerlicherweise allmählich in Vergessenheit.



Hin und wieder nehme ich die Bücher des Sprachpolizisten Karl Hirschbold zur Hand. Er hat in der Nachkriegszeit "richtiges Deutsch" gepredigt, auch in Zeitungsbeiträgen und besonders breitenwirksam im Radio: "Achtung, Sprachpolizei . . ."

Seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Manche der alten Postulate stehen nur mehr auf dem Papier, sie werden in der Alltagskommunikation und in den Medien nicht mehr sorgfältig beachtet.


Hirschbold hat uns noch eingeschärft, die Ausdrücke "anscheinend" und "scheinbar" auseinanderzuhalten. Das Wort "anscheinend" bedeutet "wie es scheint" oder "dem Anschein nach". "Du bist anscheinend sehr müde." Das Wort "scheinbar" bedeutet "es erscheint so, wie wenn es eine Tatsache wäre, in Wirklichkeit ist es aber anders." "Die Sonne dreht sich scheinbar um die Erde."

In der Umgangssprache wird "scheinbar" oft anstelle von "anscheinend" verwendet. "Er hat es scheinbar vergessen." "Das Essen ist scheinbar versalzen." Wer das sagt, wird trotzdem verstanden.

Ähnlich geht es bei der Unterscheidung zwischen "gleichzeitig" und "zeitgleich" zu. Früher gab es eine klare Aufgabenteilung: "Gleichzeitig" bedeutete "zur gleichen Zeit stattfindend". "Die EU-Justizminster und die EU-Finanzminister tagen gleichzeitig." "Zeitgleich" bedeutete "mit gleicher Zeit." "Die beiden Abfahrtsläufer kamen zeitgleich ins Ziel." Seit einigen Jahren wird "zeitgleich" oft anstelle von "gleichzeitig" verwendet: "Die Justizminister und die Finanzminister tagen zeitgleich."

Auch zwischen "dasselbe" und "das gleiche" wird nicht mehr genau unterschieden. Früher wurde "dasselbe" nur dazu verwendet, um eine Identität des Einzelwesens oder Einzeldings auszudrücken. "Das gleiche" wurde gebraucht, um eine Identität der Klasse, man könnte auch sagen der Art oder Gattung, zu signalisieren. Aber was bedeutet der Satz: "Die beiden fahren das gleiche Auto!" Dasselbe Modell? Dieselbe Ausstattung? Dasselbe Baujahr?

Bei abstrakten Begriffen wird heute immer "das gleiche" verwendet, nicht "dasselbe". "Sie haben das gleiche Ziel." Geht es um eine Identität des Einzelwesens oder Einzeldings, verwenden wir verdeutlichend meist "ein und dasselbe": "Die zwei Vertreter benützen ein und dasselbe Auto." Und es gilt nicht mehr als schwerer Fehler, wenn ein Mann zum andern sagt: "Was? Wir zwei tragen heute dieselbe Krawatte?"

Moderne Bücher über die Sprache meinen: Im Allgemeinen ergibt sich aus dem Zusammenhang, um welche Identität es sich handelt, sodass eine strenge Unterscheidung nicht notwendig ist. Ähnlich wird argumentiert, wenn es um die Bedeutungen von "anscheinend" und "scheinbar", von "gleichzeitig" und "zeitgleich" geht.

Karl Hirschbold konnte noch rigid wie die Polizei sein. Heute ist eher ein sanfter Appell angebracht: Bitte seid so lieb und haltet diese Wörter weiterhin auseinander! Es ist ein Zeichen von Sprachkultur!

Zwar können die Sprachbeobachter, wenn sich etwas durchsetzt, hinterherhinkend nur konstatieren: Jaja, das galt früher als falsch, heute entspricht es über weite Strecken dem Sprachgebrauch. Aber was früher richtiges Deutsch war, ist heute noch immer gutes Deutsch.

Wir als Journalisten sollten uns um gutes Deutsch bemühen. Sonst laufen wir Gefahr, einen Teil unserer Leserschaft vor den Kopf zu stoßen: jene, die die alten Merksätze in der Schule gelernt haben und auf Bildung Wert legen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Vor kurzem ist sein "Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs" im Haymon-TB-Verlag erschienen.




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Dokument erstellt am 2011-08-09 16:08:03
Letzte Änderung am 2011-08-09 16:11:57


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