• vom 26.08.2011, 13:57 Uhr

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Aus Kittys Welt




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Von Stefanie Holzer

  • fauna & flora

Kitty ist eine hinreißende Blondine mit schwarzen Tupfen als Blickfang. Die Weizenblondheit und den typischen Haarschopf hat sie von ihrem Papa Otto, unserem Sulmtaler Hahn, geerbt. Die Geparden-Tupfen stammen von ihrer Mama Nora, einer noblen schwarzen Maranshenne. Nora war selbst noch kein Jahr alt, als sie Mutter wurde.


Mitte September wird nun Kitty ein Jahr alt. Sie war ein Einzelkind. Die anderen Eier im Nest waren nicht befruchtet gewesen. Kittys erste Lebensmonate waren frei von Sorgen. Nora kümmerte sich aufopferungsvoll um sie: Sie zeigte Kitty Futter, legte ihr Leckerbissen wie Regenwürmer und Ohrenschliefer vor und verscheuchte unsere Katze Lili, die um die junge Familie herumstrich und zu überlegen schien, ob Kitty nicht einmal zu einer Zwischenmahlzeit taugte.

Nach kurzer Zeit jedoch erklärte Nora Kittys Kindheit für beendet. Dieser Schritt katapultierte das Junghuhn an das unterste Ende der Hühnerhierarchie. Alle Hühner über ihr pickten sie in den Grind, wenn sie sich beim Fressen nicht ganz hinten anstellte. Nur ihre Eltern ließen Kitty in Ruhe. Im Winter hat dann der Habicht, den der Bauer hierzulande Geier nennt, ihre Mutter geholt. Seither hackte ihre Marans-Tante Laura auf Kitty herum. Laura legte die meisten Eier, sie war auch wunderschön, doch ihr Wesen war schwarz wie ihre Federn.

Dieses Martyrium wurde nun durch ein Unglück beendet: Lauras roter Kamm entfärbte sich plötzlich gelblich hell. Und nach der darauf folgenden Nacht war sie verstorben.

Nun war Kitty zwar immer noch die rangniedrigste unserer Hennen, doch ihre Sulmtaler Tanten haben ein sanfteres Gemüt. Kitty lebte auf. Tag für Tag spürte sie mehr Zutrauen zur Welt. Auch den Menschen gegenüber war sie nicht mehr so scheu. Noch frißt sie mir nicht aus der Hand, aber sie kommt schon ziemlich nahe heran, wenn ihre Tanten Friedi und Susi Weizen kriegen.

Und vor wenigen Tagen hat sich Kittys Welt noch einmal verändert: Jetzt teilt sie aus. Denn nun ist sie nicht mehr am untersten Ende der Hierarchie. Das Zahlenverhältnis Hahn zu Hennen war verbesserungswürdig gewesen. Denn ein Hahn wie Otto ist ein Werkzeug seiner Sexualhormone. Wenn die Hühnerschar gar zu klein ist, leiden die Hennen. Also haben wir aus dem Urlaub drei Hühner mitgebracht: eine silberhalsige Araukanerin, eine schwarz-kupfrige Maranshenne und eine rotbraune Mischlings-Sulmtalerin. Die drei stehen jetzt in der Hierarchie unter Kitty.

Denen gibt sie nun alles zurück, was sie einstecken musste. Es ist ein Glück, dass die Neuen wenigstens zu dritt sind. Denn Kitty ist nun fast so gnadenlos wie ihre Tante Laura. Wer weiß, was der in der Jugend widerfahren ist . . .

Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.




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Dokument erstellt am 2011-08-26 14:02:03


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