• vom 26.08.2011, 13:56 Uhr

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Eine trügerische Idylle




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Von Hans-Paul Nosko

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Unser diesjähriger Sommerurlaub führte uns an einen Badesee im französischen Zentralmassiv. Allerdings war es am Tag unserer Ankunft mit dem warmen Wetter vorbei, und so mussten wir im Großen und Ganzen auf Wandern und das Besichtigen historischer Bauwerke umplanen. Ich kannte die Gegend ein wenig, hatte ich doch vor zwanzig Jahren in einer nahe gelegenen Ortschaft Halt gemacht. Und zwar genau an jenem Tag, an dem die alte Sowjetgarde gegen Gorbatschow putschte und "die Welt den Atem anhielt".


Ich war damals Mitarbeiter der Außenpolitik der "Wiener Zeitung" und rief sofort an, um zu fragen, ob meine Anwesenheit in der Redaktion vonnöten sei. Der damalige Chefredakteur meinte jedoch, ich könne getrost in Frankreich bleiben, man habe die Lage "gut im Griff".

Ich grämte mich nur kurz darüber, nicht dringend gebraucht zu werden, und setzte meine Ferien fort. Da es zum Schwimmen auch damals zu kalt war, sah ich den See nur aus der Ferne, reiste bald ab und behielt im Kopf das Bild eines romantischen Gewässers inmitten von Wäldern mit einer direkt am Ufer gelegenen Burg.

Dieses Erinnerungsbild erwies sich nunmehr als trügerisch. Wir wohnten im "Hôtel du Lac" fast direkt am Wasser und bemerkten sofort, dass es sich um einen Stausee handelt. Und dessen Geschichte ist alles andere als romantisch. Genau unterhalb unseres Hotels war bis vor rund fünfzig Jahren ein Dörfchen gestanden, in dem damals mehr als zwanzig Familien wohnten. Als die Menschen von dem Plan erfuhren, dass der Fluss, der nebenan vorbei floss, aufgestaut und ihr Ort überflutet werden sollte, wollten dies zunächst die wenigsten glauben. Erst als die staatliche Elektrizitätsgesellschaft damit begann, ihre Häuser zu sprengen, begriffen die Bewohner, dass es mit ihrem bisherigen Leben für immer vorbei war. Mit mickrigen Entschädigungen abgespeist, zogen einige weit fort, andere siedelten sich unweit des zerstörten Ortes an. Ein Ehepaar baute am Ufer - direkt über ihrem ehemaligen Haus - das kleine Hotel, in dem nun wir wohnten. Heute führt es die Tochter, die als kleines Mädchen die Absiedelung miterlebt hatte.

Die Burg, ein imposanter Granitbau aus dem 16. Jahrhundert, hätte übrigens zur Gänze unter Wasser verschwinden sollen, die Besitzer waren bereits ausgewiesen worden. In einer Blitzaktion gelang es der örtlichen Bevölkerung allerdings, das Bauwerk als historisch wertvoll klassifizieren zu lassen und so eine Absenkung der geplanten Wasserhöhe auf Kellerniveau zu erreichen.

Wenn wir beim Abendessen saßen, blickten wir auf den waldumsäumten See, in dessen Mitte sich regelmäßig eine Möwe auf einer Boje niederließ; nach etwa einer halben Stunde stieg sie auf, zog ein paar Kreise und kehrte wieder auf ihren Platz zurück. Außer einem gelegentlichen Platschen, wenn ein Fisch die Wasseroberfläche durchstieß, war kein Laut zu hören, und am Himmel trieben die Wolken, vom Mistral gejagt, nach Süden. Die reine Idylle - außer man weiß, wie sie zustande kam.

Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist in Wien.




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Dokument erstellt am 2011-08-26 14:02:04


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