• vom 02.09.2011, 14:00 Uhr

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nah&fern

Großer Kleingärtner




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Von Matthias G. Bernold

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Früher zog sich der schreibende Mensch auf eine Alm zurück. Ich nutze hierzu den Schrebergarten meines Vaters auf dem Wiener Schafberg. In diesem Häuschen, von dem meine Schwester überzeugt ist, dass unsere Urgroßtante Betty nachts durchs Gebälk spukt, geht mir das Schreiben am besten von der Hand. Die Sonne weckt mich frühmorgens um sechs. Um sieben sitze ich bereits auf der Terrasse, schreibe und trinke Löskaffee. Mit Einsiedelei hat so ein Schrebergarten gleichwohl wenig zu tun. Die Zivilisation kommt nur in etwas anderer Gestalt vor als weiter stadteinwärts.


Als ich letzthin in der Kochnische meinen Löskaffee bereite, höre ich laute Stimmen. "Du Missgeburt", schreit einer, "du Abschaum!" Ein Blick auf die Straße offenbart: Hier ereignet sich gerade ein Konflikt, wie er für heiße Sommer-Wochenenden typisch ist: Die Villenbesitzer wollen nicht, dass die Schafbergbadbesucher in der Naaffgasse parken, weil sie die Straße vor ihren Häusern als eine Art Fortsetzung ihres Eigentums betrachten. Die Badegäste wiederum zahlen ungern fürs Parken beim Bad und mäandern lieber durch das Grätzel. Wenn nun ein erboster Anrainer seinen Mistkübel strategisch in eine potenzielle Parklücke platziert, gehen schon einmal die Emotionen hoch.

Die Spannung hat aber auch andere Ursachen. Etwa den Umstand, dass die Kleingärtner auf engstem Raum ein Idyll erzeugen, das sie ständig gegenüber Lärm- und Blickimmissionen Anderer verteidigen müssen. Und daher, dass der Kleingärtner, sobald er seine Siedlung verlässt, den Reichtum seiner Umgebung ansehen muss: Die da draußen können bis vors Haus zufahren, dürfen größer bauen, leben ganzjährig hier, ohne Sondergenehmigung.

Die - wenn man so will- Großgärtner auf der anderen Seite betrachten ihrerseits die Menschen in ihren kleinen Parzellen, die ihre Füße zur Kühlung in lächerliche Plastikbottiche stecken, als Provokation. Gewissermaßen in Notwehr unternehmen sie, die Grund und Boden meist ehrlich geerbt haben, alles, um sich von den Emporgekommenen abzugrenzen: Das gelingt mit hohen Steinmauern oder Pools, aber auch mit Einfahrtstoren, die sich auf Knopfdruck öffnen lassen.

Einer meiner Nachbarn, dem das Stigma seiner Kleingärtnerschaft besonders zusetzte, gelang zuletzt ein Befreiungsschlag. Zwar verfügt er weder über Garage noch Einfahrt, doch ließ er in sein Gartentürchen einen elektronischen Mechanismus einbauen. Wenn sich seine Frau der Türe nähert, klickt er auf die Fernbedienung und das Portal schwingt zur Seite. Der Mann gewann durch seine Aktion so viel Selbstvertrauen, dass er inzwischen die Parkplätze gegen Badegäste verteidigt. Seither wird zwischen Klein- und Großgarten über den Zaun hinweg auf Augenhöhe parliert. Denn: Ein gemeinsamer Feind, der eint.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.




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nah&fern, Extra

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Dokument erstellt am 2011-09-02 10:29:02
Letzte Änderung am 2011-09-02 13:48:23


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