• vom 09.09.2011, 14:00 Uhr

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Antike Randalierer




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Von Mario Rausch

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Als die ehrbaren Bürger am Morgen erwachten, bot sich ihnen ein verheerendes Bild: Unbekannte waren nächstens durch die Stadt gezogen und hatten eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Die Rede ist allerdings nicht von jugendlichen Krawallmachern im heutigen London oder Berlin, sondern von Randalierern im alten Athen. Man schrieb das Jahr 415 v. Chr. und die Untat traf die Athener in einer Zeit größter Anspannung: Man befand sich gerade im Krieg mit dem Erzrivalen Sparta und stand kurz vor einer Militärexpedition auf die Mittelmeerinsel Sizilien.


Kein Wunder also, dass die Obrigkeit vehement auf eine Aufklärung der nächtlichen Schandtat drängte und alle Bewohner Athens dazu aufrief, etwaige Verdächtige zu benennen. Hohe Kopfgelder wurden ausgesetzt und selbst Sklaven und Ausländer zur Mithilfe aufgefordert. Als die ersten Aussagen eintrafen, zeichnete sich ein unfassbarer Skandal ab: Mehrere Zeugen wollten junge Männer aus bestem Haus dabei beobachtet haben, wie sie in der besagten Nacht angetrunken durch die Stadt gezogen waren.

Doch damit nicht genug; angeblich hatten die Jugendlichen sich auch noch weiterer Verbrechen schuldig gemacht, indem sie sich heimlich über religiöse Rituale lustig gemacht hätten - ein klarer Fall von Religionsfrevel, der damals überaus streng geahndet wurde. Recht schnell verdichtete sich der Verdacht, dass ein gewisser Alkibiades hinter all diesen Vorgängen stecke. Dieser stammte aus vornehmem Haus und hatte sich schon in jungen Jahren als tapferer Krieger erwiesen. Später hatte er sich einen Namen als Feldherr gemacht und sollte als solcher auch die bevorstehende Expedition nach Sizilien leiten.

Gleichzeitig war Alkibiades aber auch für sein ausschweifendes Leben bekannt. Angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe drängte er auf einen sofortigen Prozessbeginn, um sich gegen die Anschuldigungen zur Wehr setzten zu können. Doch die Mehrheit der Athener wollte das bevorstehende militärische Unternehmen nicht gefährden und beschloss, dass man Alkibiades erst nach seiner Rückkehr den Prozess machen würde. Als sich jedoch immer mehr Bürger über den angeblichen Unruhestifter empörten, zog man es vor, diesen vorzeitig zurückzuberufen und vor Gericht zu stellen. Man entsandte ein Schiff, um Alkibiades nach Athen zurückzubringen, doch diesem gelang unterwegs die Flucht nach Sparta, wo er die Kriegspläne seiner Heimatstadt verriet.

In Athen aber fühlten sich all jene bestärkt, die der Ansicht des Philosophen Sokrates waren: "Die heutige Jugend liebt den Luxus, sie hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie hat auch keinen Respekt vor den Lehrern und schwatzt, wo sie arbeiten sollte."

Mario Rausch,geboren 1970, studierte Klassische Archäologie und Alte Geschichte und lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.




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Extra, Damals&Heute

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Dokument erstellt am 2011-09-09 13:26:02


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