• vom 13.10.2011, 17:40 Uhr

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Kunstsinnig

Stur wie der Reis, der niemals klebt




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Weshalb steigen Leute auf den Mount Everest? Weil er da ist. Aber gilt das auch für Sandhaufen? (Oder eh bloß für Füße in der U-Bahn?)



Warum ich mit einem knöchellangen Kleid und Stöckelschuhen über einen Sandhaufen gekraxelt bin? Weil ich anscheinend den zweitanstrengendsten Beruf auf der Welt habe. Wieso eigentlich nur den zweitanstrengendsten? Ach, irgendwas wird ja wohl noch strapaziöser sein als das, was eine Kunstkritikerin macht. (Wagneropern singen, vielleicht.)


Aber hätt’ ich nicht einfach um den Sandhaufen herumgehen können? Na ja, hat denn der Reinhold Messner mit dem Mount Everest das Angsthasenspiel gespielt? (Der Berg oder ich. Wer zuerst ausweicht, hat verloren.) Ein Sandhaufen, den mir irgendwelche Witzbolde (Bauarbeiter zum Beispiel) plötzlich in den Weg schütten, kann mich jedenfalls nicht aufhalten. Mich hat ja nicht einmal dieser Pantomime in Florenz stoppen können, ein Penetrantomime, der mich ein paar Meter vor den Uffizien überfallen und meine Privatsphäre verletzt hat. Mit beiden Händen. Vor einer grölenden Menge meine Frisur zerwühlt hat. Die penetrantomimische Darstellung eines Sturms? Das hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich ihn am liebsten mit meinem Knie zu einer Zugabe inspiriert hätte. Zur Performance "Die Angst der Mauer vor dem Freistoß (und warum diese Angst nicht unbegründet ist)".

Und? Hab ich so kurz vorm Ziel, so kurz vorm Botticelli, aufgegeben? Bin ich in Panik oder schwer traumatisiert zum Hotel zurückgefahren, um meine Haare zu bürsten? Nein. Ich bin als personifizierter Bad Hair Day, als "Dirty Hairy", in die Uffizien spaziert. Weil ich stur bin wie Onkel Bens Reißverschluss. Der Reißverschluss, der niemals klemmt. Äh, der Reis, der niemals klebt. (Der pickt echt nie. Zumindest nicht freiwillig.)

Am 13. September 2011 läutet in der Fotogalerie im WUK (im neunten Bezirk) das Telefon. "Tschuldigung, habts ihr einen Hintereingang?" - "Nein, wieso? Gehns doch vorn rein. Bei der Eingangstür." - "Sehr witzig. Das is quasi militärisches Sperrgebiet. Da steht: ,Betreten der Baustelle verboten.’ Den Boden montieren die auch schon ab." (Und ohne Boden, worauf soll man da gehen?) - "Was für a Baustelle?" Dann steckt eine Person vorsichtig den Kopf aus der Tür und realisiert, dass man sie völlig eingezäunt hat. Tja, die Bauarbeiter werden sich halt gedacht haben: "Eine Tür? Pf. Die ist sicher bloße Dekoration. Eine Attrappe." Ich, noch immer das Handy am Ohr, winke der Gefangenen mitfühlend zu, sie winkt zurück und fängt an, mit den Arbeitern zu diskutieren. "Wie kommen die Leut’ jetzt in die Galerie?" - "Heut’ nimmer. Erst morgen wieder." - "Und wie komm ich raus?" (Wahrscheinlich heut’ nimmer. Erst morgen wieder.) Und dass ich noch im Trotzalter bin, damit hat sowieso keiner gerechnet. Dass ich uneinsichtig bin, bis die Erwachsenen entnervt kapitulieren. Und dass ich mich mit den hohen Absätzen wirklich durchs wilde Parcoursdistan kämpfen würde, über lose Pflastersteine balancieren und, weil ein Sandhaufen nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen ist, über den auch noch drüberkrabbeln. Danach hatte ich Sandkörner zwischen den Zehen, als wär’ ich durch die Matahari gewatet. Nein: durch die Kalahari. Ich bin so eine, die auf einen Sandhaufen steigt und von einer Düne herunterkommt. (Und mich kann man nicht einmal mit einem Zetterl abwimmeln, auf dem steht: "Komme gleich.")




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Kunstsinnig, Kunst

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Dokument erstellt am 2011-10-13 17:47:16


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