• vom 01.11.2011, 16:29 Uhr

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Update: 08.11.2011, 10:05 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Sic transit gloria mundi




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Von Robert Sedlaczek

  • Ein lateinisches Zitat erfreut sich großer Beliebtheit. Vor kurzem hat es Silvio Berlusconi verwendet - zum gewaltsamen Tod des Diktators Gaddafi.

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am

Lateinische Zitate sind in heiklen Situationen nützlich, weil sie verschleiern. Selbst der humanistisch gebildete Zuhörer braucht ein paar Sekunden, um den Inhalt zu realisieren. Sic transit gloria mundi. Aha. Was wird das wohl heißen? So vergeht der Ruhm der Welt. Aber um ein Zitat in seinem ganzen Bedeutungsumfang zu verstehen, muss man auch die Entstehungsgeschichte kennen.

Das Zitat geht wahrscheinlich auf den Mystiker Thomas von Kempen zurück: "O quam cito transit gloria mundi!" (Oh wie schnell vergeht der Ruhm der Welt!). Die Phrase wurde dann lange Zeit in abgewandelter Form bei der Inthronisation eines Papstes verwendet. Auf dem Weg zu seinem Amtssitz hielt der Papst drei Mal inne, ein Zeremonienmeister verbrannte ein Stück Werg, also Fasern von Flachs oder Hanf, und rief: "Sancte Pater, sic transit gloria mundi" - selbst der Papst ist vergänglich.


Auch in der Literatur sind interessante Belege zu finden. "Sic transit gloria mundi" heißt ein scherzhaftes Liebesgedicht von Emily Dickinson: ",Sic transit gloria mundi, / ,How doth the busy bee, / ,Dum vivimus vivamus, / I stay mine enemy! /Oh ,veni, vidi, vici! / Oh caput cap-a-pie! / And oh ,memento mori / When I am far from thee . . ." Die amerikanische Dichterin hat hier Floskeln der humanistischen Erziehung parodistisch aneinandergereiht. Heutzutage wird in den USA "Sic transit gloria mundi" von Studenten verwendet, um mit Bildung zu protzen. Das "Urban Dictionary", ein Wörterbuch der Alltagssprache, schreibt, dass es sich bei dieser Wendung um eine sinnentleerte Abschiedsfloskel handelt. James: "Okay Matt, see you later." Matt: "Yeah man, sic transit gloria mundi." Man bemerkt es sofort: Matt kann zumindest einige Brocken Latein.

Wie zu erwarten war, ist die Wendung auch bei Asterix zu finden. "So vergeht der Ruhm der Welt", sagt der alte Pirat Dreifuß in "Asterix im Morgenland", als einer seiner Leute das eigene Schiff versenkt.

Den jüngsten Beleg verdanken wir Silvio Berlusconi. Der Cavaliere galt ja als Freund von Oberst Gaddafi. Es war Berlusconi, der sich offiziell für die in der italienischen Kolonialzeit begangenen Verbrechen entschuldigt hat. In einem Wiedergutmachungsvertrag verpflichtete er sich, fünf Milliarden Dollar als Entschädigung zu zahlen. In den letzten vier Jahren sind die beiden Politiker acht Mal zusammengetroffen. Als Gaddafi zu einem Staatsbesuch nach Rom kam, würdigte ihn Berlusconi als "Mann von tiefer Weisheit".

Bei dieser Einschätzung dürften auch die engen wirtschaftlichen Verflechtungen eine Rolle gespielt haben. Rund ein Viertel der Erdölimporte Italiens kommt aus Libyen, italienische Firmen bauen dort Autobahnen, im Gegenzug ist Libyen an der größten italienischen Bank, der Unicredit, beteiligt und hält sogar Aktien am Fußballverein Juventus Turin. Es war also mit Spannung erwartet worden, wie Berlusconi auf den Tod Gaddafis reagieren würde.

Er tat es mit "Sic transit gloria mundi". Auch wenn man dem Cavaliere reserviert gegenübersteht: Es war eine geschickte Wortwahl.



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Dokument erstellt am 2011-11-01 16:35:10
Letzte Änderung am 2011-11-08 10:05:59


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