• vom 15.11.2011, 15:44 Uhr

Glossen

Update: 02.01.2012, 19:55 Uhr

Finanzkrise

Kummts zum Haarschneiden!




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Ein neuer Ausdruck geistert durch die Medien: Haircut.
  • Er verschleiert - das neue Buch von Hugo Portisch hingegen klärt auf.

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am

Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am

Langes Haar war einmal Ausdruck eines nonkonformistischen Lebensstils, eines Protests gegenüber Staat und Gesellschaft. Diese Haltung fand ihren Höhepunkt in der Hippiebewegung. Wir erinnern uns an das Musical "Hair": "My hair like Jesus wore it! Hallelujah, I adore it!"


Heute gelten glatzköpfige junge Männer als schick - und die Mittel zur Entfernung von Körperhaaren sind ein Verkaufsschlager.

Auf Wikipedia finde ich ein kurioses Detail zu diesem Paradigmenwechsel. Als die Schauspielerin Sienna Miller den Film "Hippie Hippie Shake" drehte, er spielt - wie der Name schon sagt - in der Hippiezeit, musste sie in den Nacktszenen nachträglich per Computertechnik mit Schamhaaren versehen werden. Sonst hätten die Szenen nicht authentisch gewirkt.

Komisch, gerade jetzt kommt das Wort Haircut im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise in Mode. Überall lesen wir, dass im jüngsten Rettungspaket ein 50-prozentiger Haircut beschlossen worden ist. Und es wird heftig darüber diskutiert, ob dieser Haircut ausreichen wird.

Da sieht man wieder einmal, wie verschleiernd Anglizismen sein können. Gemeint ist ein Schnitt bei den Schulden, aber wer wird geschoren? Nicht die Griechen, ihnen wird ja ein Teil der Schulden erlassen, geschoren werden die Gläubiger und letztlich die Steuerzahler in der Euro-Zone. Im Wienerischen würde man sagen: "Kummts zum Haarschneiden!" Gut, bei den alt gewordenen Hippies wird das Wort Haircut noch so funktionieren, wie es intendiert ist. Aber die Jungen, die sich tagtäglich mit dem Rasierapparat über den Schädel fahren, werden sich wundern, was da gespielt wird.

Vor kurzem bin ich auf das Buch "Was jetzt" von Hugo Portisch gestoßen. Er verwendet kein einziges Mal den Begriff Haircut - nur einmal die deutsche Lehnübersetzung Haarschnitt, mit dem Zusatz, dass in der Wirtschaftssprache damit ein Schuldenschnitt gemeint ist. Die 77 Seiten lange Schrift des angesehenen Journalisten ist lesenswert, sie gibt auch Antworten, wie es mit der EU weitergehen könnte. Im Grunde genommen, so schreibt Portisch, waren alle europäischen Gemeinschaften von der Montanunion bis heute in irgendeiner Form Transfergemeinschaften. "Und nicht zum Schaden der Geber, sondern nachweisbar immer auch zu deren eigenem Nutzen."

Warum wird heute der Gedanke einer Transferunion so vehement abgelehnt? Ein Transfer von Reich zu Arm könne doch nicht so abwegig sein, wenn er gleichzeitig das Ziel verfolgt, "das bedeutend wichtigere und wirtschaftlich so erfolgreiche Konzept der großen Friedens-, Freiheits-, und Wohlstandsgemeinschaft zu bewahren und weiter zu bringen."

Und Portisch regt einen "New Deal" für Griechenland an. Denn mit Sparen und mit aufgezwungenen Privatisierungen allein wird man das Land wohl nicht aus der Krise lenken können. Viele Formulierungen sind mit Fragezeichen versehen, Portisch will zum Nachdenken anregen. Der Text spart nicht mit Kritik an der EU, schließt aber mit einem positiven Gedanken: "Europa und die Zukunft sind zu retten. Man muss es nur wollen - und tun."




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Dokument erstellt am 2011-11-15 15:50:06
Letzte Änderung am 2012-01-02 19:55:00


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