• vom 06.07.2010, 16:59 Uhr

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Update: 06.07.2010, 17:00 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Wie Cviljovec zu Klagenfurt wurde




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Von Robert Sedlaczek

  • Kärnten war schon immer zweisprachig. Selbst der Name der Landeshauptstadt hat slowenische Einsprengsel.

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung". Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Man kann aus vielen guten Gründen für die Aufstellung weiterer zweisprachiger Ortstafeln in Kärnten sein. Einer davon soll hier ausgeführt werden, wobei ich mich auf ein eben erschienenes Buch von Heinz-Dieter Pohl berufe - ein vor einigen Jahren emeritierter, aber immer noch eifrig forschender Universitätsprofessor in Klagenfurt. Das Buch trägt den Titel "Unsere slowenischen Ortsnamen", ist bei Hermagoras erschienen und kann nicht nur wegen seiner Orts- und Flurnamenverzeichnisse, sondern auch wegen der begleitenden Texte zur Geschichte des Ortstafelkonflikts empfohlen werden.


Pohl weist zunächst darauf hin, dass es in Kärnten bereits vor der Errichtung als Herzogtum im Jahre 976 zwei Sprachen gab: das Alpenslawische oder Karantanische, manchmal auch "das Windische" genannt. Es gilt als Vorläufer der

modernen slowenischen Sprache; und das Althochdeutsche, auf dem die modernen Kärntner Mundarten beruhen.

Im Zeitalter des Humanismus stellte dann ein gewisser M. G. Christalnick fest: "Es haben sich die windischen Kärntner mit den deutschen Kärntnern also gewaltiglich vereinigt, dass aus ihnen beiden einerlei Volk ist worden." Wie stark diese Vermischung war, zeigt Pohl an Hand der Ortsnamen. Da wurde wild entlehnt und hin und her übersetzt - vom Slowenischen ins Deutsche, vom Deutschen ins Slowenische.

Ein Ortsteil von Kirchheim, Vorläufer des Kur- und Wintersportorts Bad Kleinkirchheim, wurde Zirkitzen genannt - zu slowenisch cerkev (Kirche). Neben der deutschen existiert also auch eine gleichbedeutende Bezeichnung slowenischer Herkunft. Das Wort "Klein-" ist recht spät vor den Ortsnamen gesetzt worden, um Verwechslungen mit einem zweiten Kirchheim zu vermeiden. Dieses liegt im Mölltal und firmiert als Großkirchheim; durch den Ort fließt der Bach

Zirknitz und auch ein Ortsteil heißt so. Diese Bezeichnung geht zurück auf slowenisch Cirkevnica mit der Bedeutung "Kirchenbach".

Selbst der Name der Landeshauptstadt wäre ohne slowenische Hilfe nicht zustande gekommen. Pohl, ein renommierter Namensforscher und Slawist, präsentiert in dem Buch eine durchgängige und fundierte Entwicklungsgeschichte dieses Ortsnamens.

Ausgangspunkt ist ein romanisches lauqiliu mit der Bedeutung "Platz am Wasser". Gemeint war aber nicht der Wörthersee, wie man heute durch die von oben verordnete Namensgebung "Klagenfurt am Wörthersee" suggerieren will, sondern der Fluss Glan. Die romanische Ausgangsform wurde zunächst zu la quiliu umgeformt und ohne Artikel ins Slawische entlehnt. Nach einigen weiteren Adaptierungen hat man die bei Ortsnamen häufige Endung -ovec angehängt, wodurch Cviljovec entstand.

Zufälligerweise hat das ähnlich klingende slowenische Wort cvilja soviel wie "Wehklage" bedeutet. Daraus konnte sich eine volksetymologische Erklärung entspinnen: Der Ort liegt an einer beschwerlichen, unfallträchtigen Furt durch die Glan - hier haben die Fuhrleute viel zu klagen gehabt. Deshalb entstand im Slowenischen der Name cviljovec , heute Celovec ,

im Deutschen der Name Klagenfurt, also Furt der Klagen.

Viele Ortsnamen bezeugen das Zusammenleben zweier Sprachgemeinschaften, sie sind ein bedeutendes immaterielles Kulturerbe. Daran knüpft Pohl ein Plädoyer: "Die Politik ist gefordert, diesen Umstand sichtbar zu machen!" Durch zusätzliche zweisprachige Ortstafeln in den gemischtsprachigen Gebieten.

Robert Sedlaczek ist Autor etlicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist erschienen: "Wenn ist nicht würdelos. Rotweiß-rote Markierungen durch das Dickicht der Sprache."



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-07-06 16:59:46
Letzte Änderung am 2010-07-06 17:00:00

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