• vom 19.04.2013, 14:58 Uhr

Glossen

Update: 19.04.2013, 15:56 Uhr

Urlaub

Der schon wieder!




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Die Welt ist ein Dorf, sagt man, wenn einem gerade die Plattitüden auszugehen drohen. Vielleicht ist es aber auch ganz anders.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Das erste Mal hab ich ihn im Kaffeehaus gesehen. Den Schauspieler.

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn man ist ja ein aufgeklärter, aufgeschlossener, weltgewandter Künstler, der sich dafür einsetzt, dass die Menschen unterschiedlicher Kulturen, Mentalitäten und Einkommensverhältnisse gut miteinander auskommen. Deswegen hält man sich auch nur in Lokalen auf, in denen auch nur aufgeklärte, aufgeschlossene, weltgewandte Künstler herumsitzen, und nirgendwo anders. Denn wo anders (beim Szeneheurigen in Grinzing, in der Weinstube in Simmering oder in dem Wettlokal im Fünften etwa) könnte man ja Menschen treffen, die vielleicht ganz andere Kulturen ("Hast Du angeschaut meine Freundin? Ich hau Dir Gosche!"), Mentalitäten ("Die ganzen Auslända soitat ma olle außehauen! Olle! Und wer was dagegn hot, den soitat ma an die Wand stelln!") oder Einkommensverhältnisse ("Oida, jetzt hat doch dieser Kretin von einem kroatischen Hafenarbeiter tatsächlich einen Kratzer in meine Yacht gemacht. Backbord! Dabei lieg ich da so gern rum und schau der Crew zu, wie sie meinen Namen in die Segel stickt.") ihr Eigen nennen. Und das würde einen ein bisschen stören beim aufgeklärt, aufgeschlossen und weltgewandt Sein.


Deshalb rottet man sich in Lokalen zusammen und fühlt sich sehr wohl in seinem kleinen, überschaubaren Soziotop der Aufgeklärten, Aufgeschlossenen und Weltgewandten.

Es ist ein bisschen wie im Vereinslokal der Schrebergartensiedlung.

Und in so einem Kaffeehaus hab ich ihn zum ersten Mal gesehen. Den Schauspieler.

Er saß zwei Tische weiter und ich hab mir gedacht: "Das ist doch
der. . . ja, genau der!"

Und er war es auch.

Keine zwei Jahre später seh ich ihn wieder. Im Flugzeug. Sitzt er schräg vor mir und liest Zeitung. Und ich denk mir: "Das ist doch schon wieder der. . . genau der! Und lesen tut er. Aha!"

Und dann diese Woche. Ich mach Abenteuer-Urlaub. In Großbritannien. Kaum ist man außer Haus, beginnt schon das Abenteuer. Denn man weiß nicht, ob einen der nächste Windstoß über den Ärmelkanal trägt oder ob man von nasskalten Regenschauern auf der Stelle schockgefrostet wird. Dafür ist alles sehr teuer. Außer dem Bier.

Gratis ist dagegen die Landschaft. Deshalb durchschreitet man sie täglich und kommt nach grünen Hügeln und braunen Weiden gatschbespritzt in dieses pittoreske Dorf, hinter dem sich eine mittelalterliche Burgruine erhebt. Die Häuser sehen aus, als würden Hobbits drin wohnen und auf dem Marktplatz steht...dieser Schauspieler! Das gibt’s doch nicht. Schon wieder der! (Ja, genau der.)

Das ist doch kein Zufall! Der ist doch hinter mir her! Auch wenn er zur Tarnung dieses Filmteam mitgebracht hat...mich täuscht der nicht! Ha!

Und gerade als ich mich anschicke, quer durch das Set zu laufen, um ihn zur Rede zu stellen, schaut er mich an. In seinem Blick liegt Ungewissheit. So, als würde er sich fragen: "Das gibt’s doch nicht... Der schon wieder?!"

Also, wenn Sie mich fragen: Der Typ hat doch einen Verfolgungswahn.




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Dokument erstellt am 2013-04-19 15:02:03
Letzte Änderung am 2013-04-19 15:56:24


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