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Update: 08.05.2013, 18:31 Uhr

Gastronomie

Der böse Geist aus der Dose




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Blutwürste, Rindsrouladen und Gulaschsuppe - was ist hausgemacht und was ist ein industrielles Produkt? Eine schwer zu beantwortende Frage.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Vor mehr als einem Jahrzehnt habe ich einen berühmten Winzer und Heurigenbetreiber auf kecke Weise in Verlegenheit gebracht. Auf seiner Speisekarte fanden sich "hausgemachte Blunzen", und zufällig kannte ich ihren Hersteller. Der Mann, ein Freund unserer Familie, war Fleischhauer aus Passion, und weil er sich auch im Ruhestand vom Würstemachen nicht lossagen konnte, spezialisierte er sich auf Blutwürste und belieferte damit Nobelheurige und ein paar Bekannte - zur vollsten Zufriedenheit seiner Kunden.

Als nun der besagte Winzer zur Begrüßung zu unserem Tisch kam, begann ich, sein Buffet zu loben. "Wir sind mit ihrem Angebot sehr zufrieden", sagte ich, "besonders gut schmecken Ihre hausgemachten Blunzen. Wir kennen übrigens den Fleischhauer, der sie macht." Ich nannte damals den Namen, aber jetzt tut er nichts zur Sache. "Auch wir kaufen bei ihm oft ein, es sind die besten Blutwürste Wiens." Der Lokalbesitzer war alles andere als erfreut und wechselte blitzschnell das Thema.


Jetzt tut es mir leid, dass ich ihn damals so grob angegangen bin. Die Zeiten haben sich geändert, und wir uns mit ihnen. Was damals noch streng genommen ein Etikettenschwindel war, könnte man heute so rechtfertigen: "Niemand wird dem Winzer zumuten, dass er ausgezeichnete Weine keltert und gleichzeitig auch ausgezeichnete Blutwürste macht. Also kann damit nur eines gemeint sein: Die Blunzen stammen aus einem kleinen Betrieb und sind mit Liebe hergestellt. Keine Massenware, kein industrielles Produkt." Das war es ja auch.

Wenn ich heute in einer Radatz-Filiale ein "hausgemachtes Gulasch" angeschrieben sehe, weiß ich ja auch, was gemeint ist. Ich gehe davon aus, dass irgendwo in einer zentralen Küche in großen Mengen Zwiebel angeröstet und sorgfältig eingekauftes Rindfleisch geschnitten und gedünstet wird - also kein Gulasch aus der Drei-Kilo-Dose, das nur noch aufzuwärmen und in den Teller zu gießen ist. Solche Angebote sind auf die Betreiber von Imbissstuben und Kleingasthäusern zugeschnitten.

Ein Mann in der Landwirtschaftskammer, er kennt sich in Etikettierungsfragen hervorragend aus, hat mir unlängst erzählt, dass 90 Prozent der Rindsrouladen, die in der Gastronomie auf die Teller kommen, aus einem einzigen Betrieb stammen. Dieser hat sich auf derartige Rouladen spezialisiert. Er verfügt inzwischen über hochmoderne Maschinen, mit denen er sie rationell herstellen kann. Solche Rindsrouladen sind natürlich nicht hausgemacht.

Allerdings können nur wenige Wirtshausgäste ein industrielles Produkt von einem hausgemachten unterscheiden. "Wenn in einer Gulaschsuppe die Erdäpfel exakt würfelförmig geschnitten sind", sagte mir unlängst Brigitte, eine besonders gewiefte Konsumentin, "dann kann es keine hausgemachte Suppe sein. Ich sehe das auf einen Blick."

Bis sich die industriellen Gulaschproduzenten neue Maschinen anschaffen, die so eingestellt werden können, dass sie Erdäpfel unregelmäßig zerkleinern.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-05-07 17:02:08
Letzte Änderung am 2013-05-08 18:31:34


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