• vom 15.06.2013, 09:00 Uhr

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Update: 15.06.2013, 12:11 Uhr

Esoterik

Science-Buster als Esoteriker




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Von Gerald Schmickl

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Das hat man seit den Tagen, als die "Zeit im Bild" noch in beiden ORF-Programmen gesendet - Fachterminus "durchgeschaltet" - wurde, nicht mehr gesehen: dass da wie dort dasselbe läuft, oder zumindest fast dasselbe. Am Dienstag vergangener Woche war es spätabends wieder einmal so weit: Auf dem einen Kanal wurden die "Science Busters" gezeigt - mit Werner Gruber, auf dem anderen Kanal eine Diskus-sion - mit Werner Gruber.


Der gewichtige Physiker füllte da wie dort das Format: einmal mehr demonstrativ (bei den "Science Busters", dem von Gruber gemeinsam mit Martin Puntigam und Heinz Oberhummer erfolgreich gestalteten Wissenschafts-Kabarett), einmal mehr argumentativ (in der "kreuz & quer"-Debatte "Hat die Wissenschaft Gott begraben?"). Vermutlich war diese Gruber’sche TV-Synchronizität nicht beabsichtigt, sondern einfach passiert - und doch ist sie in gewisser Weise programmatisch.

Der gestandene Experimentalphysiker ist mittlerweile der Sendeanstalt liebstes Mono-(Mond-) Gesicht, wenn es darum geht, mittels Naturwissenschaften die Welt zu erklären. Und das kann Gruber ja auch vorzüglich: Mit anschaulichem Wissen und oberösterreichischem Mutterwitz stärkt er das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Materie. Und räumt nebenher rigoros mit allem auf, was sich der Berechenbarkeit entzieht.

Das ist bei obskuren Erscheinungen wie etwa der "Lichtnahrung" mehr als angebracht (wobei den der Kulinarik nicht nur experimentalphysikalisch zugeneigten Mann schon die Vorstellung, sich ausschließlich von Licht zu ernähren, naturgemäß erschrecken muss). Wenn es hingegen um altehrwürdige Glaubensinhalte und andere meta-physische Denktraditionen geht, erweist sich das Beharren auf das Beweisbare oft als eindimensional bis einfältig.

Da gibt es - man denke etwa an Herbert Pietschmann - schon deutlich fein- und freigeistigere Physiker, die sich der Grenzen ihres Faches auch in aller Öffentlichkeit bewusster sind als Gruber. Der nähert sich dem Himmel freilich auf andere Weise: Wohl nicht zuletzt dank seiner TV-Popularität wurde er heuer zum Leiter der astronomischen Einrichtungen der Volkshochschulen Wiens ernannt, zu welchen das Planetarium, die Kuffner Sternwarte sowie die Urania Sternwarte zählen.

Das publikumswirksame Bashing der Esoterik beruht übrigens auf einem zumindest terminologischen Missverständnis, worauf der Tiroler Autor Alois Schöpf (in seinem empfehlenswerten Buch "Glücklich durch Gehen", Limbus Verlag) aufmerksam gemacht hat. Wenn man nämlich unter Esoterik "ein Wissen versteht, das nur von einem kleinen, auserwählten Personenkreis verstanden wird", dann gilt dies "skurrilerweise in erster Linie für die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften" und ihrer Methoden. Jedenfalls nicht für all die angeblich alten Heils- und Weisheitslehren, die heute überall und jederzeit verfügbar sind. So gesehen, wäre also Gruber ein Esoteriker. Und als solcher macht er wiederum eine gute Figur. Auch auf zwei Kanälen.




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Dokument erstellt am 2013-06-13 17:56:02
Letzte Änderung am 2013-06-15 12:11:32


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