• vom 24.08.2013, 09:00 Uhr

Glossen


Ruhebedürfnis

Die irritierende Ruhe




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Von Irene Prugger

  • diarium

Da war sie also und lag in unberührter Schönheit vor mir, die lange erträumte, einsame Bucht. Wie aus dem Bilderbuch! Doch in einem Bilderbuch blättert man weiter, nachdem man eine Ansicht lange genug bestaunt hat. Ich aber war gekommen, um zu bleiben, mein Badetuch auszubreiten und ein paar Stunden lang süßes Nichtstun und die bloß von leichtem Meeresrauschen umspülte Ruhe zu genießen.


Schön, ja schön! Andererseits auch sehr einsam. Nachdem man eine Zeitlang die Augen geschlossen und den Wunschtraum realisiert hat, beginnt man sich umzusehen: Es ist alles da, was ein einsamer Strand so braucht: nämlich nichts. Das heißt, fast nichts - außer das in der Sonne glitzernde Meer mit seinen sanft schäumenden Wellen, feiner weißer Sand, angespültes Muschelwerk, sogar ein paar Sträucher als Schattenspender. Nein, keine Kokospalmen, doch an Kokospalmenstränden liegen ohnedies meist die Touristen, und auf den Palmen kreischen die Affen. Dann wäre es aus mit Ruhe und Einsamkeit.

Wenn man nun schon einmal paradiesische Zustände wie in einem Werbespot hat, sollte man sie auch genießen. Also nochmals hingelegt und die Augen geschlossen. Rauscht jetzt das Meer oder rauscht ein Tinnitus im Ohr? So viel Ruhe ist in der Tat irritierend! In einem Werbespot käme jetzt jemand mit einem coolen Drink vorbei. Auch wäre jemand da, mit dem man sich nett unterhalten könnte. Ich griff zum Handy, doch es funktionierte nicht. Keine Verbindung. Diese Bucht war mehr als nur verschwiegen.

Warum ließen sich hier eigentlich keine Menschen blicken, weder Urlauber noch Einheimische? Das war irgendwie eigenartig. Gewiss, es gilt bis hierher einen halbstündigen Fußmarsch zurückzulegen, aber das ist ja kein Hindernis für die sportlich-tüchtigen Urlaubergenerationen unserer Tage. Hatte ich etwas übersehen, überhört, überlesen? War vor dieser Bucht ausdrücklich gewarnt worden? Gab es hier Giftquallen, Haie oder besonders viele Skorpione?

Ein Mensch, der eine Frage dringend beantwortet haben möchte, fühlt sich an einem einsamen Strand besonders allein. Ein Mensch, der Durst hat, auch. Zwar hatte ich mir zwei Flaschen Trinkwasser mitgenommen, aber ich hatte jetzt Coladurst und Pommes-Frites-Hunger und Lust auf ein Schleckeis. Ein typisches psychosomatisches Aufbegehren des Magens, wenn man plötzlich die Zivilisation vermisst. Ich raffte mein Badezeug zusammen und machte mich schleunigst auf den Rückweg.

Am nächsten Tag legte ich mich in den Hexenkessel eines belebten Strandes, schloss die Augen und hatte all die Hintergrundgeräusche wieder, die ich im Urlaub zum Entspannen brauche, sofern sie mich nichts angehen: lärmende Kinder, Waren anpreisende Strandverkäufer, kreischende Teenager, zu laute Handygespräche, die Stimmen mahnender Mütter, sich neckende Paare. Und dazu das herrliche Duftgemisch von Salzwasser und Sonnencreme.

Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-08-22 20:05:02
Letzte Änderung am 2013-08-23 12:10:35


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