• vom 27.08.2013, 16:18 Uhr

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Update: 28.08.2013, 11:34 Uhr

Sprache

Abgesandelt oder total am Sand?




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Das von Christoph Leitl popularisierte Wort hat eine interessante Etymologie. Manches passt in die Wahlkampagne der ÖVP.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Manchmal tragen Politiker dazu bei, dass ein Wort, das schon fast vergessen ist, eine ungeahnte Popularität bekommt. Ich durfte an dieser Stelle die Verdienste des seinerzeitigen SPÖ-Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer würdigen. Er hat das Wort sudern aus der Versenkung geholt. Auf dem Weg zu einer Parteiveranstaltung sagte er beiläufig, ohne die ihn filmende Kamera zu bemerken: "Und das wird heute was Ordentliches in Donawitz? Oder das übliche Gesudere?" Die Erregung der Genossen wollte nicht enden. Das Wort sudern ist eine Verbalbildung zu Sud, die Ursprungsbedeutung war leise wallend sieden, im übertragenen Sinn: ständig jammern, nörgeln, sich bemitleiden.

Einen noch interessanteren Ausdruck hat sich Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl ausgesucht: abgesandelt. Es handelt sich um eine - wie der Sprachwissenschafter sagt - Verbalableitung zu Sandler, genauer: um ein Partizip Perfekt.


Sandler geht nicht auf "Sand" zurück, wie man beim ersten Hinsehen glauben könnte. Im Mittelalter gab es das Verb "seinen" mit einer ganzen Palette an Bedeutungen, mit denen sich heute die Arbeit der großen Koalition umschreiben ließe: sich verspäten, etwas auf die lange Bank schieben, jemanden aufhalten oder an etwas hindern. Das dazugehörende Adjektiv diente dazu, langsame oder träge Menschen zu charakterisieren. Auch zu kurze oder zu enge Kleider wurden mit diesem Attribut versehen. Matthias Lexer, ein gebürtiger Kärntner, hat in den 1870er Jahren in seinem legendären "Mittelhochdeutschen Wörterbuch" diese Bedeutungen vermerkt.

In Wien wurde mundartlich aus einem -ei- ein -a- (ein Beispiel: wir sagen nicht Stein, sondern Staa). Dann kam noch zur Intensivierung ein l hinein, und damit sich das Ganze bequem aussprechen lässt, ein sogenannter Sprossvokal, ein d. So wurde aus dem Verb "seinen" das heutige "sandeln". Als "Sandler" bezeichnete man fortan nicht nur die Langsamen und die Trägen, die Versager und die Nichtsnutze, sondern auch jene, die arbeitslos und nicht sesshaft sind.

Dass das Wort nur in Österreich verwendet wird, beweist ein Blick in den "Großen Duden". Sandler trägt den Vermerk "österreichisch, umgangssprachlich". Der anschließend angeführte Beleg stammt aus Friedrich Torbergs Sportler-Roman "Die Mannschaft": "Sandler seid ihr, ganz gewöhnliche Sandler, ihr habt eben mehr Sau als Verstand."

Sekundär hat sich bei uns die volksetymologische Redewendung "am Sand sein" herausgebildet. Das "Österreichische Wörterbuch" vermerkt folgende Bedeutungen: erschöpft oder erledigt sein.

Egal ob das Wort bewusst gefallen ist oder nicht, Leitl hat damit die Wahllokomotive seiner Partei in Fahrt gebracht. Er bekommt zurückhaltende Zustimmung von Einzelpersonen aus dem Kreis der SPÖ, zum Beispiel von Hannes Androsch, vereinzelte Kritik ertönt aus den eigenen Reihen, vom ÖAAB, was ihn nicht stören wird. Jedenfalls hat er ein Thema gesetzt, auf das der Slogan von der "Entfesselung der Wirtschaft" aufgesetzt werden kann.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-08-27 16:23:07
Letzte Änderung am 2013-08-28 11:34:41


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