• vom 15.10.2013, 16:03 Uhr

Glossen

Update: 15.10.2013, 16:18 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Land der Schlaucherln, zukunftsreich




  • Artikel
  • Kommentare (9)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Auf den Speisekarten vieler mittelmäßiger Restaurants findet man ein merkwürdiges Gericht: Gordon bleu. Ein Schreibfehler oder Absicht?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Ein Deutscher macht Urlaub in Kärnten. Wieder daheim stellt er ein Posting ins Netz: "Im Urlaub waren wir in einem Restaurant, wo sowohl in der Speisekarte als auch auf der Tafel des Tagesmenüs Gordon bleu stand. Anfangs lachten wir noch darüber, da dies mehr an die Comicfigur Flash Gordon als an ein gefülltes Schnitzel erinnerte. Wir gingen davon aus, dass der Koch die Rechtschreibung nicht so genau kannte. Allerdings haben wir tags darauf in einem anderen Lokal ebenfalls ein Gordon bleu auf der Speisekarte gesehen. Meine Frage daher: Ist Gordon bleu ein Synonym für Cordon bleu? Oder doch ein Schreibfehler?"

Ich will Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, die Antworten auf dieses Posting ersparen. Die Mehrheit war der Ansicht, dass wir Österreicher nicht Deutsch können. Dass wir p und b nicht auseinanderhalten, genauso t und d, und von daher komme die Unsicherheit bei der Schreibung. Einige Kommentatoren haben uns mit den Sachsen verglichen. Auch das war kein Kompliment.


Wer vom Französischen auch nur den Hauch einer Ahnung hat, der weiß, dass das mit Käse und Schinken gefüllte Schnitzel ein blaues Band, ein cordon bleu, im Namen trägt, um es als Gericht der höheren Kochkunst auszuweisen.

Ich habe dann noch einen Blick in das "Österreichische Lebensmittelbuch" geworfen, die Rechtsgrundlage für Speisenbezeichnungen. Dort liest man: Ein Wiener Schnitzel ist "ein mit Mehl, geschlagenem Ei und Semmelbröseln paniertes und in Fett herausgebackenes Kalbsschnitzel". Ein Schweinsschnitzel muss also als "Schnitzel vom Schwein" ausgewiesen werden. Analog dazu muss auch ein Cordon bleu vom Kalb sein. Es besteht "aus zwei etwa gleich großen Kalbsschnitzeln oder einem taschenförmig eingeschnittenen Kalbsschnitzel", ist mit Schinken und Käse gefüllt und wird dann paniert. Ausdrücklich heißt es noch: "Die Bezeichnung Cordon bleu ist nur für gefüllte panierte Kalbsschnitzel zulässig."

Da haben wir es. Die österreichischen Gastronomen müssten "Cordon bleu vom Schwein" auf die Speisekarte schreiben - wenn sie Schwein statt Kalb verwenden. Vermutlich hat ihnen ein überschlauer Mensch in ihrer Interessenvertretung geraten, stattdessen Gordon bleu zu schreiben. "Damit habt ihr die gesetzlichen Bestimmungen erfüllt. Denn im Lebensmittelbuch steht ja nur, woraus ein Cordon bleu gemacht sein muss."

Man nimmt also in Kauf, dass uns ausländische Gäste für Idioten halten, für Menschen, die von der Rechtschreibung keine Ahnung haben und auch die einfachsten französischen Ausdrücke nicht verstehen.

Aber eigentlich ist das noch die bessere Variante. Würde im Ausland publik werden, dass österreichische Gastronomen nur wegen der gesetzlichen Bestimmungen ein Gordon bleu anbieten, dann wären wir der Rosstäuscherei überführt. Da die meisten Gäste einen Schreibfehler vermuten, sind sie ja überzeugt, dass sie ein gefülltes und paniertes Kalbsschnitzel bestellt haben. Dann würde Österreich nicht als Land der Sprachidioten gelten, sondern als Land der Schlaucherln.




9 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-10-15 16:08:04
Letzte Änderung am 2013-10-15 16:18:18


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die neue Art, Gesellschaft zu verstehen
  2. Man wird sich weiterhin als Katze ausgeben dürfen
  3. Mein Fehler!
  4. Antike Comicstrips
  5. Digitales Verdummungsverbot
Meistkommentiert
  1. "Der Mirko und die Jagoda haben serbisch gesprochen. . ."
  2. Versunkene Wortschätze
  3. Vorweihnachtszauber
  4. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt
  5. Wer zuckt, verliert

Werbung




Werbung