• vom 12.04.2014, 11:00 Uhr

Glossen


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Medium einer Mentalität




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Von Holger Rust


    Ich behaupte, dass der Schlüssel zur Erkenntnis des chinesischen Wirtschaftswunders und seiner globalen Durchschlagskraft die Pekingsuppe darstellt. Buchstäblich als Medium einer Mentalität, die der wirtschaftlichen Wirklichkeit lange vorauseilte. Als Schritt eines raffinierten - ja kryptischen Algorithmus, der in der vieltausendziffrigen kulinarischen, mithin kulturellen, damit aber auch wirtschaftlichen Logik die Nummer 1 trägt. Und zwar auf jeder Speisekarte der Welt. Und das lange, bevor dieses rätselhafte Reich einem normalen Reisenden zugänglich war.


    Du lieber Himmel: Wie fern erschien uns noch vor vier Jahrzehnten dieses unzugängliche Reich, das mit seltsamen farbigen Metaphern belegt war: gelbe Gefahr, blaue Ameisen - allerdings, wenn man den Fotos trauen konnte, die uns über diese Meerenge erreichten, Ameisen auf Fahrrädern, die wie alten Modellen des Steyr-Waffenrads nachgebildet wirkten.

    Und nun? Kommt man schneller hinein als in die USA. Auf dem Weg vom Airport in die Cities telefonieren die unserer Sprachen unkundigen Taxler mit der Zentrale, reichen das Mobiltelefon nach hinten, und die Dame in der Zentrale fragt auf Englisch, ob ein Umweg genehm sei, auf dem sich Staus umfahren ließen, teilt die Entscheidung dann dem Fahrer in seiner Sprache wieder mit. Effizienz, die man sich daheim wünschte, im angeblichen Mutterland der Effizienz. Und irgendwie dämmert’s, dass die Besonderheit der Chinesen die ist, dass sie gar nicht so anders sind als wir. Eben effizient, aber auch geschäftstüchtig, anpassungsbereit und flexibel.

    Auch damals schon, als man noch, je nach Mentalität, auf Pearl S. Bucks Romane oder Mao-Bibeln angewiesen war, traf man die Chinesen weltweit. Ich fand sie auf meinen ausgedehnten Reisen als Händler auf den Inseln inmitten des Pazifik, als Wäschereibetreiber in New York und Gründer ganzer Stadtteile in den amerikanischen Megacities; als Studierende in Berkeley, vor allem als Gas- tronomen in München und St. Pölten, in Hamburg und Hallein. Ihr Marketing-Genie offenbarte sich schon in der Namenswahl, auf jene märchenhaften Vorstellungen abgezielt, die man vom "Reich der Mitte" hatte: Mandarin, Mondpalast, Lotosblüte; und früh auch mit jener ausgeklügelten, geradezu algorithmisch durchdachten Systemgastronomie, bei der nach Nummern bestellt wurde.

    Die unbestrittene Nummer 1, der Starter, das ultimative Katerfrühstück auf den meisten Speisekarten der Restaurants oder Anzeigetafeln der Asia-Imbisse zeigt die Genialität dieses Konzeptes: Pekingsuppe. Dass es sie unter diesem Namen und in der Art, wie sie weltweit verbreitet wurde, in der autochthonen Küche Chinas gar nicht gibt, ist nur ein Randaspekt. Sie ist, unter Marketinggesichtspunkten gesehen, so etwas wie das Coca Cola des Reichs der Mitte. An ihr wurden wir für China geschult, bevor wir hineindurften. Und zwar mit unserem eigenen Geschmack.

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.




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    Dokument erstellt am 2014-04-10 18:26:08
    Letzte Änderung am 2014-04-11 11:59:19


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