• vom 25.05.2014, 10:00 Uhr

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Künstlerische Erweckung




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Von Hans-Paul Nosko


    Mein Zeichenlehrer am Gymnasium war ein wüster Geselle. So nett er die Mädchen behandelte, die er "mein Täubchen" oder "mein Zuckerkanderl" nannte, so rüpelhaft konnte er gegenüber seinen Geschlechtsgenossen auftreten. Die Bezeichnung "abgerissener Hosenknopf" etwa gehörte noch zu den angenehmeren Titulierungen. Während des Unterrichts thronte der Herr Professor zumeist hinter seinem Katheder, der damals - es waren die Sechziger Jahre - auf einem Podest stand. Von dort aus überwachte er mit finsterer Miene unser Tun. Überschritt der Geräuschpegel ein nur ihm bekanntes Maß, so hieb er mit einem Sesselbein, das er zu diesem Zweck bei sich hatte, auf den Tisch. Ein ohrenbetäubender Knall, auf den Grabesruhe folgte. Wer sich gerade so richtig im künstlerischen Flow befand, hatte Pech gehabt.


    In der Regel war Malen mit Wasserfarben angesagt. Zu diesem Zweck rührten "brave" Schüler Farbpulver in Bottichen an, von wo aus wir alle unsere mitgebrachten Marmelade- und Joghurtgläser mit roter, blauer, grüner und gelber Flüssigkeit befüllten. Braun war aus politischen Gründen nicht vorgesehen. "Das ist die Dreckfarbe", hieß es erklärend. "Wer alle Farben zusammenschüttet, bekommt braun." Was wir auch taten, wenn wir etwa einen Baumstamm zu malen hatten.

    Auf seinen Inspektionsrunden durch die Sitzreihen hatte der Pädagoge so manches auszusetzen. "Was machst’ denn da schon wieder, du Blunzenstricker", bemerkte er gern beim Anblick des Bildes eines Burschen, nahm den dicksten Pinsel zur Hand, tauchte ihn in ein Glas mit beliebiger Farbe und strich so lange auf dem Blatt des Bedauernswerten herum, bis das Resultat seinen Vorstellungen entsprach.

    Auch meine Bilder blieben von derartigen Übermalungen nicht verschont. Und so war mir bald klar, dass ich in dieser Disziplin ein hoffnungsloser Fall war und weder Zeichnen noch Malen je würde erlernen können.

    Trotzdem versuchte ich mich später hin und wieder an kleinen Skizzen, ließ dies jedoch bald bleiben - die Ergebnisse waren meist doch allzu ungelenk. Bis ich jüngst im Internet auf einen Wochenendkurs für Comic-Zeichnen stieß: Sechs Erwachsene und ein Bub im Volksschulalter saßen um einen Tisch, jeder erfand für sich eine kurze Story und brachte diese unter der fachkundigen, einfühlsamen Betreuung eines Comic- Zeichners zu Papier. Dieser führte uns in die Welt von Gesichtsform, Sprechblase und Perspektive ein. Vor allem nahm er uns die Angst, prinzipiell ungeeignet zu sein. Einzig der kleine Bub hatte damit zu kämpfen, dass seine anwesende Mutter ihn immerzu "anleiten" wollte. Damit war es aber vorbei, als unser Lehrer ihn kräftig in seinem eigenen Tun bestärkte.

    Inzwischen zeichne ich mit wachsender Begeisterung. Zwar wird es nicht so bald für einen Cartoon in der "Wiener Zeitung" reichen - aber es macht Spaß. Und ich denke, es hat sich in dieser Hinsicht auch an den Schulen etwas geändert.

    Hans-Paul Nosko ist Journalist und lebt in Wien.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2014-05-22 17:53:06
    Letzte Änderung am 2014-05-23 10:26:48


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