• vom 19.07.2014, 11:30 Uhr

Glossen


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Meer und Baum




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Von Matthias G. Bernold


    Das Wellenreiten ist auch bloß eine Metapher für das Leben (und umgekehrt). Wir rudern hinaus aufs Meer, bis die Oberarme mürbe sind. Dort sitzen wir minutenlang rum, und warten auf die passende Welle. Rollt sie endlich an, heißt es neuerlich rudern, rudern, kämpfen, auf dass die Welle uns mitreiße. Mit Übung gelingt es, auf dem wackeligen Brett aufzustehen und sich Richtung Strand tragen zu lassen: ein Moment des Glücks, der so lange währt, bis wir das Gleichgewicht verlieren oder die Welle unter uns verebbt. Staunend schweben wir im salzigen Wasser, lächeln einfach und breit. Ein Wunder. Bis wir kehrt machen, um aufs Neue hinauszukraulen auf das weite Meer.

    Nicht viel anders geht es im Leben allgemein zu. Zeiten der Mühsal und der Euphorie wechseln einander ab. Manchmal klatschen wir auf die Wasserfläche oder werden hinabgesogen in die Tiefe. Wir kämpfen gegen den Untergang, halten den Atem an. Wir speien das salzige Wasser wieder aus.


    Das gerötete, aber gereifte Auge durchschaut diese Regelmäßigkeit der Extreme und gewöhnt sich daran. Zynischer Gleichmut besänftigt die Wellentäler und -kämme des Alltags. Es zeigt sich: Wie beim Surfen besteht ein Großteil des Lebens aus Warten. Und weil es bis zur nächsten Welle mitunter lange dauern kann, hat die Ablenkungsindustrie mancherlei erfunden, das uns die Wartezeiten verkürzt: Die eben zu Ende gegangene Fußball-WM etwa, die so viele Menschen euphorisiert und - nebenbei - Milliarden Euro steuerfrei in die Kassen der Fifa spülte.

    Für mich funktioniert Fußball leider nicht. Sogar während des Finales schlief ich ein, was schlecht ist: Wer schläft, verpasst die nächste Welle. Erst während der Verlängerung schreckte ich hoch, als die deutsche Gaststudentin aus der Wohnung vis-à-vis "Neuer, du geile Sau" in die Nacht hinaus schrie.

    Wenn nicht Fußball, dann muss etwas anderes her, wusste ich und las Joachim Lottermanns "Endlich Kokain". Schließlich fiel mir beim Umstellen der Bücherregale Oshos "Das Orangene Buch" in die Hände. Darin fand ich Meditations-Übungen wie die "Lach-Meditation" (gleich nach dem Aufwachen) oder die "Brabbel-Meditation" (in der Nacht, kann auch zu mehrt betrieben werden). Für "Schaue deiner Angst in die Augen" kauerte ich mich in eine Zimmerecke und fürchtete mich. Endlich entdeckte ich "Schließe Freundschaft mit einem Baum!"

    Seither gehe ich fast täglich zum Donaukanal meinen Freund, den Weidenbaum besuchen. "Wenn du den Baum berührst, ist er glücklich wie eine Geliebte", schreibt Osho. Der Weidenbaum und ich stehen dann aneinander gelehnt am Ufer und blicken auf das Wellenspiel im Wasser. Hin und wieder fährt ein Ausflugs-schiff vorbei und die Passagiere winken uns zu. Hin und wieder winken wir zurück. Und es ist o.k.

    Matthias G. Bernold, geb. 1975, lebt als Journalist in Wien




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2014-07-17 16:20:08
    Letzte Änderung am 2014-07-18 13:20:41


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