• vom 05.08.2014, 12:05 Uhr

Glossen

Update: 19.01.2018, 18:15 Uhr

Anti-I-Glossenhauer

Weil es hässlich ist, wenn wIr nIcht mItreden dürfen!








Von Walter Kühner (Bürgerjournalist)

  • Anti-I-Glosse zu Severin Groebners Glossenhauer vom 18.07.2014

Sehr geehrter Herr Groebner!

Der um das präsyllabische Se schamhaft beschnittene Bastian Sick findet nicht nur das Binnen-I hässlich, sondern vor allem die "Mitgliederinnen" (mit oder ohne I), weil "das Mitglied" ein sächliches Hauptwort ist und "die Mitglieder" sich deswegen nicht plötzlich allein auf Männer beziehen. Dass Sie dazu nichts zu sagen haben, verwundert nicht: Klar, Sie sind den Feministinnen neidisch, dass nicht Sie als Kabarettist die "Mitgliederinnen" erfunden haben. Dass aber Sick dabei "die Grammatik misshandelt" empfindet, löst bei Ihnen gar keine kabarettistischen Empfindungen aus? Das ist doch irgendwie sick übertrieben.

Ehrlich gesagt, als Spracherzkonservativer verstehe ich auch nicht, warum das Binnen-I von manchen zur heiligen Kuh erklärt wird. Geschrieben findet man es außer in amtlichen Formularen und in feministischen Schriften ohnehin nirgends. Und neutrale Bezeichnungen sind allemal vorzuziehen, wo immer möglich - und wenn schon, dann _ statt I: Lehrer_innen, weil das schlicht und einfach leichter zu lesen ist.

Übrigens: Ist es Ihrem kabarettistischen Scharfblick entgangen, dass das Binnen-I markant männlich aussieht?

Andere Sprachsekten lehnen das I aus anderen Gründen ab und setzen auf _, weil es angeblich auch Anderssexuelle nicht diskriminiert. Da sieht man es wieder, Herr Groebner, Sie sind ein Gestriger, Sie sind einfach nicht auf der Höhe der Zeit! Seien Sie nicht so hässlich altmodisch! Lernen Sie Zukunft!

Und die Femininspräch Ihrer Kolleginnen Stephanie Überall und Gerburg Jahnke lassen Sie ganz beiseite? Typisch Macho, der am markant männlichen I hängt und es in alle Wörter hineinstecken will. Sie sind entlarvt als ständig bereiter, brünftiger Binnen-I-ler! Sie sollten eine Binnen-I-Aversionstherapie bei Bastian Sick besuchen. (Hoffentlich werden Sie dort geheilt und nicht sicker als sick.)

Und noch eines: Mein gesunder Hausverstand sagt mir, dass Sie mit "gesund" und "ungesund" recht haben, aber er sagt mir auch, dass Sie in ungesunder Weise ein ähnliches Prinzip anwenden, um uns ungsund gsund hereinzulegen: indem Sie vom Thema Sprache wortreich hin zu anderen Hässlichkeiten der Welt übergehen und vom Thema ablenken. Rosstäuscherei oder so ähnlich nannte man das in früheren Zeiten, als das Binnen-I noch ein Druckfehler war und Männlein und Weiblein noch einträchtig getrennt auf verschiedenen Seiten in der Kirche saßen. Da herrschte noch die Pax lutherana in der Grammatik und das Weib schwieg in der katholischen Kirche. (Halt: das tut es noch immer - und wenn nicht, wird es exkommuniziert.)

Luther hat im Gegensatz zu Ihnen den Leuten aufs Maul geschaut (wo schauen Sie eigentlich hin?) und ihnen zu Munde geredet und geschrieben. Die Crux damals war allerdings, dass die Menschen in verschiedenen deutschen Zungen redeten, sodass es für das Verständigungs-Pfingstwunder Wörterbücher bedurfte. Den Wienern hat Luther zum Glück nicht aufs Maul geschaut, deshalb musste Maria Theresia Deutschländer nach Wien holen, um den Wienern ordentliches Deutsch beizubringen. Wie man an den Würschtelständen hören und bei Robert Sedlaczek nachlesen kann, sind die Deutschländer aber nicht überall hingekommen. Dafür kommen sie jetzt ungerufen zahlreich vor Ort nach Wien, kucken und hören sich um, wenn sie sich einen hinter die Binde gießen, und wundern sich, dass sie vor Ort rein gar nischt verstehen von dem Wienerisch, das im Fernsehen so nett geklungen hat.

Herr Groebner, Sie haben uns das Geheimnis preisgegeben, dass Sie mit all den von Ihnen als hässlich befundenen Hässlichkeiten leben. Schön für Sie - aber vielmehr gilt: Wenn Sie wegen der erwähnten Hässlichkeiten nicht bereit sind, Suizid zu begehen,  m ü s s e n  Sie sogar damit leben, denn auf die Ihnen wenig ohrenschmeichelnd erscheinende Stimme des Bundeskanzlers und auf die FPÖ-Plakate werden Sie kaum ändernd Einfluss nehmen können. Eher geht ein Binnen-I durch die FPÖ, als dass sich deren Plakate ändern werden.

Und das ist wiederum der große Unterschied zu Hässlichkeiten der Sprache: Da wollen wir ALLE mitreden dürfen!!

PS: Im übrigen bin ich der Meinung, dass Armin Thurnher in Bastian Sick einen ältlichen Komantschen, dem die Squaw davongelaufen ist, erkennen würde.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-08-05 12:47:43
Letzte Änderung am 2018-01-19 18:15:07

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