• vom 16.08.2014, 11:30 Uhr

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Enklave Ungarn




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Von Matthias G. Bernold


    Von meinem Großvater ist folgende Anekdote überliefert: Als in Wien, es waren wohl die frühen 1960er Jahre, guter Käse Mangelware war, brachte er reifen Ziegenkäse aus Frankreich mit. Das Milchprodukt entwickelte im Zugabteil sein volles Aroma. Um den Konflikt mit anderen Passagieren zu entschärfen, hielt Großvater den Käse aus dem Fenster. Gut für die Mitreisenden, schlecht für Opa, der sich angeblich eine Sehnenscheidenentzündung zuzog.

    Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte lässt sich nicht überprüfen. Fest steht: Heutzutage wäre ein derartiges Vorgehen nicht mehr möglich. Moderne Züge sind klimatisiert, die Fenster lassen sich nicht öffnen. Ein Geruch, und sei er noch so streng, kommt und bleibt. Sich darüber zu grämen, hat wenig Sinn. Der Fortschritt reißt so manche praktische Errungenschaft hinweg.


    Ein Glück, dass es noch Enklaven gibt, wo die Uhren anders gehen. Am Keleti Bahnhof in Budapest geben die traditionsbewussten Ungarn internationalen Reisenden Gelegenheit, in die gute alte Zeit hineinzuschnuppern. Während der Schalter für Inlandsfahrten modern und aufgeräumt ist, werden Touristen in eine Besenkammer im ersten Stock abgeschoben. Dort findet man drei Schalter und eine Traube schwitzender Menschen samt Gepäck. Um für Ordnung zu sorgen, vertraut die ungarische Bahn auf die Macht des (richtigen) Nummernloses, das an einem Automaten zu ziehen ist. Nach 45-minütiger Wartezeit fanden wir heraus, dass wir am Schalter für Auskünfte, nicht für Fahrschein-Käufe gelandet waren. Wir müssten uns neuerlich anstellen. Geschätzte Wartezeit: zweieinhalb Stunden. Mein Reisegefährte war mit den Nerven am Ende, sodass ich ihn zur Erholung ins Szeneny Bad schicken musste.

    Zurück im Hotel: Der hilfsbereite Rezeptionist versucht sein Glück via Online-Buchungssystem. Leider sind Internet-Buchungen nur für Railjets möglich. Die aber nehmen keine Fahrräder mit. Also begab ich mich in ein Buchungsbüro der Bahn im Zentrum. Kunden gab es keine. Aber vier Schalterbeamtinnen, die Online-Patiencen legten. Bedient wurde ich auch hier nur mit Nummer. Es gelang mir zwar, die Tickets zu erwerben, nicht allerdings jene für die Fahrräder. "Die können Sie nur beim Inlandsschalter kaufen", erklärte die Schalter-Beamtin und wies auf ihre Nachbarin: eine ungeheuer dicke Frau, die im Patiencen-Legen offenbar gerade auf der Siegerstraße war. Als ich formlos hinüberwechseln wollte, deutete sie wortlos auf den Automaten: kein Service ohne Nummer!

    Nach dem erfolgreichen Fahrschein-Kauf fühlte ich tief in mich hinein. Stolz mischte sich mit Ärger. Dann fiel mir mein Großvater ein und dessen Käse, und ich verspürte Nostalgie. Wie lange noch wird Ungarn so einzigartig bleiben, bevor es vom Fortschritt überrollt wird?

    Matthias G. Bernold, geb. 1975, lebt als Journalist in Wien.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2014-08-14 14:50:02
    Letzte Änderung am 2014-08-14 14:53:28


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