• vom 22.11.2014, 13:00 Uhr

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Update: 03.04.2015, 16:58 Uhr

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In Schleiz aufs Greiz




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Von David Axmann

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Ex oriente lux, doch auch im Norden kann dir ein Licht aufgehen. Fährst du mit dem Auto von Wien über Linz, Passau, Bayreuth nach Berlin, begegnet dir bald nach der thüringischen Grenze die Ortstafel "Schleiz". Der absonderlich prägnante (eher oststeirisch klingende) Name schmückt sich mit dem Untertitel: "der Rennort". Zu Recht, wie die Recherche ergibt.

Das sogenannte Schleizer Dreieck ist die älteste Motorsport-Naturrennstrecke Deutschlands. 1923 fand das erste Rennen statt; sportliche Höhepunkte waren der gesamtdeutsche Meisterschaftslauf 1950 mit 250.000 Zuschauern und internationale Formel 3-Rennen in den 1960er Jahren.


Während du, flott fortfahrend, grübelst, ob Schleiz vielleicht eine Ortspartnerschaft mit Weiz betreibt, fällt dein Blick auf die Tafel "Greiz", Holla und he kommt dir auch schon der alte Rennfahrervers in den Sinn: Er stürzt in Schleiz aufs Greiz.

Die Reimlust verschlägt’s dir aber ein paar Kilometer weiter. Wie bitte? Tatsächlich, auf der Hinweistafel steht "Lederhose". Und du bliebest dem Dunkel wirrer Spekulationen verhaftet, würde nicht Wikipedia dir ein linguistisches Licht aufstecken. Schleiz, Greiz und auch der so urdeutsch klingende Ortsname Lederhose sind slawischen Ursprungs.

Schleiz, eine einst von Sorben bewohnte Burgsiedlung, wurzelt im Wort "slowicz" (Zwetschke/ Pflaume). Greiz hieß früher Grewcz, was auf "gradec" (befestigter Ort) zurückgeht. Ja, und Lederhose, aus dem slawischen Personennamen Ludorad abgeleitet, ist die germanisierte Fassung von Ludoraz, Ort des Ludorad.

Solcherart unterwegs fortgebildet, bist du in Berlin angekommen. Und wieder einmal stellst du verwundert und verwirrt fest: Die Stadt ist im Unterschied zu Wien groß, sehr groß sogar. Weitläufig und breitflächig. Det sollt man nie vajessn. Genau das habe ich aber leider getan. Ich habe auf den Stadtplan geguckt und vergnügt ausgerufen: Von der S-Bahnstation Greifswalder Straße bis zum Friedhof Weißensee (berühmte jüdische Bestattungsstätte) sind es ja nur ein paar Schritte, vielleicht zehn Minuten, höchstens fünfzehn! Los! Zur Erklärung: Was auf einem Stadtplan von Wien 100 Meter bezeichnet, bezeichnet auf seinem Berliner Pendant 1000 Meter. Eine beträchtliche Differenz, zumal wenn es zu regnen beginnt und der Tourist schirmlos unterwegs ist.

Nach etwa einer Stunde Fußmarsch und ziemlich durchnässt erreiche ich die Friedhofsmauer, allerdings an unpassender Stelle. Hier befindet sich nämlich kein Eingangstor. Nur eine kleine Imbissbude, vor der, durch ein Dach vorm Regen geschützt, ein wie ich hoffe Einheimischer bei einem Bierchen sitzt. Ich stürze auf ihn zu: Pardon, sind Sie von hier? - Bin ick. - Wo ist denn hier der Friedhof Weißensee? - Dahinten. Sehnse de Mauer? - Ja, aber hier ist doch kein Tor! - Ne, da hammse recht. - Also bitte, sagen Sie mir, wo ist denn der Eingang? Ich laufe schon eine Stunde lang im Regen herum! - Selba schuld. Hättnse mir ’ne Stunde früher jefragt.

Soviel zur trockenen Freundlichkeit der Berliner.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-11-20 19:02:02
Letzte Änderung am 2015-04-03 16:58:41


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