• vom 01.01.2015, 17:52 Uhr

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Kunstsinnig

Döwäschoh




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Stell dir vor, du machst Urlaub und die ganze Welt fliegt hin. (Dann kann man nur eins tun: zwei Glühwein bestellen.)



Das elektronische Gerät da in meinem Mund ist natürlich keine E-Zigarette, das ist ein Fieberthermometer. Aber in diese Lage gebracht hat mich ein E-Tschick. Der vom Heinz. Der hat sich nämlich als genauso ungesund herausgestellt wie die "richtigen" Tschick. Zumindest im Winter. Weil man die Dampfer ja längst ebenfalls überall vor die Tür jagt. Wie die räudigen Raucher. Dort verkühlen sie sich und stecken nachher drinnen die Nichtraucher an. (Toller Nichtraucherschutz.) Und die Alien-Invasion hat mir dann den Rest gegeben.

Eigentlich unverantwortlich, dass das Außenministerium keine Reisewarnung für Paris ausgesprochen hat. Der Heinz und ich, wir haben’s am Sonntag grad noch rausgeschafft. Freilich eh bloß, weil am Flughafen keiner unsre Körpertemperatur gemessen hat. Sonst wären sofort ein paar unheimliche Humanoiden in Raumanzügen auf uns zugestürmt ("Jö, Heinz, schau! Die Stewardessen von der Air Berlin ham si zu Fasching alle als Perry Rhodan verkleidet!" - "Eher als Dustin Hoffman in ,Outbreak‘!") und hätten uns auf die Isolierstation verschleppt. Ob wir also auch mit dem Leben davongekommen sind, wird sich erst in den nächsten Tagen zeigen. Denn wir könnten genauso gut Ebola haben. ("Du, wir hätten uns in der Metro ned hinsetzen sollen, Heinz." - "Wieso?" - "Intensiver Stuhl-Kontakt birgt ein erhöhtes Ansteckungsrisiko, hab i wo g’lesen. Und im Hotelpool war ma ebenfois. Was, wenn der Sergio Leone da reingepinkelt hat?" - "Der hat seit fünfazwanz’g Joa nimmer gepinkelt." - "Dann halt einer aus Sierra Leone.")


Tja, blöderweise hatte das halberte Universum (und ganz Japan) offenbar dieselbe geniale Idee wie wir: "He, jetzt wär der ideale Zeitpunkt, nach Paris zu fliegen. Wir wären die einzigen Touristen. Weil zu Weihnachten foat kana weg. Das feiert ma unterm eignen Christbam. Wozu hätt ma sonst einen gekauft?" Das Wetter war - aus der Eiszeit. ("Wo isn die globale Erwärmung plötzlich hin?" - "Die macht Urlaub. In Australien.") Jeder wollte einfach nur rein, egal wo (in ein Museum, eine Riesenradgondel . . .). Beim Eiffelturm lungerten gleich Tausende frierende Aliens herum (Deutsche, Japaner, zwei Österreicher . . .). Und das Rote Kreuz hat weder Decken noch heißen Tee verteilt. Zuerst stellten sie sich eine halbe Ewigkeit um ein Ticket an, mit dem sie hernach in einer weiteren Endlosschlange die zweite Hälfte der Ewigkeit auf den Lift warten mussten. Und der war vermutlich nicht einmal geheizt. Die zwei Österreicher reihten sich irgendwann spontan in die dritte Schlange ein. Weil die war kürzer. Und bereits nach 15 Minuten konnten sie sich aufwärmen: "Döwäschoh, sillwuplä!" (Zwei Glühwein, bitte! - "Vin chaud": heißer Wein.)

Ungefähr vier Schlangen später hatten wir die Nase voll. Mit Schnupfen. Ich hab im Bett sogar rote Socken angezogen, die Fersen aneinandergerieben, den vom Schüttelfrost heftig gebeutelten Heinz dabei fest an der Hand gepackt und die Zauberformel gehustet: "Es ist nirgends schöner als daheim!" Wir mussten trotzdem einen Flieger nehmen. Beim Boarding bekam ich zufällig ein Gespräch mit: "Gestern woa des Schloss Versailles stundenlang von der Außenwöd o’gschnitten. Mit 60.000 Leit drin." - "Schon Scheiße, wemma eing’schneit is." - "Naa, so voll woas. Keiner hat mehr reindürfen. Und in die Hitt’n passt ganz Hernals eine." Hm. Ich wette, vom 24. bis zum 28. Dezember war Wien eine Geisterstadt.




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Dokument erstellt am 2015-01-01 17:56:05


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