• vom 08.07.2009, 16:15 Uhr

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Update: 08.07.2009, 16:16 Uhr

Pausenfoyer

Kleine Unschönheiten unter Künstlern




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Von Edwin Baumgartner

  • Der "Wiener Operettensommer" pocht bei seinem Neustart auf Kontinuität. Und Sängerinnen wird geraten, gut auszusehen: Die Figur zählt mehr als die Stimme.

Deniz Yetim begeistert mit einer nahezu perfekten Stimme. Foto: Kammeroper

Deniz Yetim begeistert mit einer nahezu perfekten Stimme. Foto: Kammeroper Deniz Yetim begeistert mit einer nahezu perfekten Stimme. Foto: Kammeroper

Gretchenfrage: Wenn bei einem künstlerischen Unternehmen der Name gleich bleibt, (fast) alles Andere aber wechselt - ist es dann noch das gleiche künstlerische Unternehmen?

Konkret: Der "Wiener Operettensommer". Sieben Jahre lang hat ihn die rührige Agentur Scheibmaier veranstaltet, die etwa auch "Christmas in Vienna" organisiert. Im vergangenen Jahr brachen dem "Operettensommer" dann wegen der angespannten Wirtschaftslage die Sponsoren weg. Agenturchef Karl Scheibmaier verkaufte daraufhin den Namen "Wiener Operettensommer" an seinen bisherigen Bühnenbildner Markus Windberger, der das Unternehmen nun gemeinsam mit seiner Frau Patricia Nessy führt.


Und da gibts ein paar Unschönheiten. So wirbt der Operettensommer auf seiner Internet-Website mit einem Produktionsfoto vom Vorjahr. Auch in den Aussendungen steht, der "Wiener Operettensommer" gehe in sein achtes Jahr.

Nur: Von den sieben Jahren zuvor ist kaum etwas geblieben. Das Konzept etwa ist völlig verändert: Statt einer Revue von schmissigen Gesangs- und Tanznummern wird diesmal eine ganze Operette gespielt, nämlich "Wiener Blut". Die erfolgreiche Choreographin und Tanz-Solistin war verschnupft, weil mit einem anderen Choreographen parallel verhandelt wurde und sie obendrein nur als Tänzerin bezahlt worden wäre. Also sprang sie ab.

Als Journalist wiederum staunt man über den mangelhaften Informationsfluss. Premiere sei am 10. Juli, hieß es zuerst. Dann: Nein, Pressepremiere (was auch immer das sein mag) ist am 8. Juli. Die Internet-Website verheißt die Premiere wiederum für den 9. Juli.

Andererseits: Es kann sich alles einspielen und den verwackelten Start vergessen machen. Doch wenn sich der "Wiener Operettensommer" etwa "Neuer Wiener Operettensommer" genannt hätte statt auf die de facto gar nicht vorhandene Kontinuität zu pochen, wäre man als Beobachter auch mit wesentlich mehr gutem Willen bei der Sache.

Gute Kenner der Szene waren im Vorfeld völlig sicher: Deniz Yetim wird den Belvedere-Gesangswettbewerb gewinnen: Die 23-jährige Türkin verfügt schließlich über eine persönliche Stimmfarbe, eine ausgezeichnete Intonation. Obendrein hat sie die seltene Gabe, gleichsam durch ihren Gesang zu sprechen, also einen Ausdruck durch rein vokale Mittel zu erzielen.

Und die Siegerin war naturgemäß - die Südafrikanerin Pretty Yende.

Ungerecht? Es gibt keinen Wettbewerb, bei dem dieses Wort nicht fällt.

Allerdings: Wenn eine rassige Schwarzafrikanerin mit guter Stimme gegen eine etwas pummelige Türkin mit sensationeller Stimme gewinnt, scheints der überwiegend männlichen Jury eben nicht nur um die Stimme gegangen zu sein. Und wenn die Türkin auch noch so gut gesungen hat. In einer netrebkogeprägten Zeit, in der das Publikum mit den Augen hört, brauchen die Sängerinnen eben keine Stimme mehr sondern Mannequinfiguren.

Zwei der besten Sängerinnen der jüngsten Vergangenheit waren die Schwergewichte Montserrat Caballé und Jessye Norman. Müssten sie heute ihre Karriere starten, hätten sie keine Chance. Wo kämen wir schließlich hin, ginge es in der Vokalmusik primär um Stimmen und sekundär erst um die Taille...



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-07-08 16:15:47
Letzte Änderung am 2009-07-08 16:16:00

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