• vom 21.06.2015, 11:00 Uhr

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Ötzis Tattoos




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Von Mario Rausch

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Sie wurden im Abstand von nur zwei Jahren gefunden und gelten beide als archäologische Sensation: der Mann vom Similaungletscher, den alle nur als Ötzi kennen, und die vornehme skythische Frau, die aus dem russischen Altaigebiet stammt. Historisch, geographisch und kulturell trennen die beiden Eismumien aber Welten: Während Ötzi vor 5300 Jahren in Zentraleuropa lebte, verbrachte die als "Eisprinzessin" titulierte Skythin ihr Leben vor 2500 Jahren in der Steppe Zentralasiens. Und dennoch haben diese so unterschiedlichen Personen einiges gemeinsam: Beide wurden durch Eis konserviert, und sowohl Ötzi wie die vornehme skythische Frau trugen Tätowierungen am Körper.

Der Körper des Mannes aus dem Eis weist nicht weniger als 61 Tattoos auf, die Strichbündel und Kreuze darstellen. Anders als bei modernen Tätowierungstechniken wurden die Zeichen aber nicht mit Nadeln, sondern durch feine Schnitte angebracht, in die man Holzkohle rieb. Ein oder mehrere senkrechte Strichbündel befinden sich beidseits der Lendenwirbelsäule, auf der linken Wade, dem rechten Fußrücken, am äußeren und inneren Fußknöchel sowie - jüngst entdeckt - am Brustkorb in Höhe der rechten untersten Rippe.


Zwei Linien laufen über das linke Handgelenk. Jeweils ein kreuzförmiges Zeichen findet sich auf der Innenseite des rechten Knies sowie neben der linken Achillessehne. Auffallend ist, dass viele tätowierte Bereiche den Haupt-Akupunkturlinien entsprechen. Bisher nahm man an, dass sich diese Heilkunst erst zwei Jahrtausende später in Asien entwickelt hat.

Die Tattoos der "Eisprinzessin" unterscheiden sich deutlich von jenen auf Ötzis Körper: die vornehme Skythin, die wohl eher eine Priesterin als eine Prinzessin gewesen ist, trägt großflächige Tätowierungen am Körper, die mythologische Tiere bzw. Fabelwesen darstellen und von großer Bedeutung für die Frau gewesen sein dürften: Bei den Skythen dienten Tattoos zur persönlichen Identifikation. Die Körperbilder waren also Ausdruck des sozialen Status der Trägerin und sicherten so ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft. Gleichzeitig dienten sie wohl auch dazu, die Kräfte der dargestellten göttlichen Wesen zu aktivieren. Die Körperbilder wurden vermutlich im Lauf des Lebens ständig ergänzt, da ältere Verstorbene deutlich mehr Tattoos tragen als die schon in jungen Jahren verstorbene "Eisprinzessin".

Technisch unterscheiden sich die kunstvollen Ornamente an den Körpern der skythischen Eismumien von jenen des Mannes vom Similaungletscher: Die Tätowierungen der Skythen wurden in einem Stichverfahren mit Hilfe von Knochennadeln in die Haut geritzt und mit Ruß ausgerieben. Und das so kunstfertig, dass sich noch heutige Tätowierer von den Motiven der Skythen inspirieren lassen.

Mario Rausch, geb. 1970, studierte Klassische Archäologie/ Alte Geschichte und lebt als freier Publizist in Klagenfurt/Wien.




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Dokument erstellt am 2015-06-18 14:50:04



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