• vom 31.07.2015, 17:49 Uhr

Glossen


Glosse

Das schlimmste Wort der Asyldebatte




  • Artikel
  • Kommentare (19)
  • Lesenswert (122)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Isolde Charim

  • Wie das Wort "aber" den "Du-darfst-Rassismus" einleitet.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny

Was ist das schlimmste Wort in der ganzen Debatte um Asylsuchende und Flüchtlinge? Da mag einem auf Anhieb viel einfallen. Aber das schlimmste Wort ist nicht eines der direkten Attacke. Denn bei einer solchen muss man sich wenigstens mit offenem Visier hinstellen und zeigen, dass man ein fremdenfeindliches, rassistisches Schwein ist. Das noch schlimmere, das schlimmste Wort ist raffinierter.

Es fiel etwa bei dem Gespräch, das Umweltminister Rupprechter vor einigen Tagen mit einem Biobauer führte. Beim Thema Asylwerber waren sie sich einig: " Es gibt die, die fliehen müssen, weil sie bedroht oder verfolgt werden. Aber es gibt auch sehr viele, (...) die damit Geld verdienen. Die Schlepperei ist ein Wirtschaftszweig geworden." Da war es, das schlimmste Wort. Ganz unscheinbar tritt es auf - und verändert dennoch die gesamte Tonlage: ABER. So ein kleines Aber leistet eine unglaubliche Arbeit. Ja, es gibt die Flüchtlinge, die existentielle Bedrohten, ABER. Aber lässt sie auftreten - die Bösen, die Schlepper, die Trickser, die Asylmissbraucher. So ein einfaches Aber erlaubt es, der Anerkennung des Elends sofort einen Verdacht hinterher zu schieben. Es ist das unmerkliche Scharnier zwischen den Bedrohten und den Krisengewinnlern. Eine Verschiebung mit einer wichtigen Funktion: Dieses kleine Aber ist das Ventil für die negativen Gefühle, die Flüchtlinge offenbar bei vielen auslösen. Es ist die Weiche, die Emotionen wie Mitgefühl umlenken auf jenes Böse, bei dem man seine ganze Abscheu und Ablehnung abladen kann. Im Unterschied zur direkten Beschimpfung, wo man selbst als böser Mensch dasteht, erlaubt das kleine Aber, die Fassade des guten Menschen aufrechtzuerhalten, während die eigenen Aggressionen dennoch die Bühne betreten. Sozusagen erlaubterweise. Es ist unser Schlepper: Es transportiert verkappt unsere negativen Gefühle. Dieses Aber ist die Abwehr der Zumutung von Solidarität und Empathie - eine Zumutung, die uns die Flüchtlingssituation heute abverlangt. Es ist die Abwehr der Verpflichtung, ein guter Mensch zu sein.


Das offene Aber hat das Register des "begründeten Verdachts" geöffnet. Es gibt aber noch ein anderes Aber, das unausgesprochene. Dieses soll uns auf das Feld der sogenannten Rationalität bringen. In den beliebten Formeln wie "wir können nicht alle nehmen" oder "das schaffen wir nicht" steckt es, dieses verkappte Aber. Wir versuchen es ja, aber. Als Einzelne sind uns Flüchtlinge ja willkommen, aber alle? Als ganzes? Da werden sie zur Horde, zur Flut, zur Überflutung. Auch wenn die Flut erst zu einer solchen wurde, weil die Innenministerin die entsprechenden Vorbereitungen verabsäumt hat. Gegen solch eine Flut wird Abwehr zur einzig rationalen, zur sachlich gerechten Haltung. Abschiebung ist folglich ein Sachzwang. Diese Rationalität gibt dem schlechten Gewissen einen vernünftigen Anstrich. Es gibt bereits einen eigenen Begriff für dieses psychische Manöver: der so unschuldige "Asylkritiker". Das ist der Euphemismus schlechthin dieses "Du-darfst-Rassismus" ("Die Zeit").

Dieser Mobilisierung der Gesellschaft zur Flüchtlingsabwehr steht aber etwas Unerwartetes gegenüber: eine massive Hilfsbereitschaft seitens der Bevölkerung, die spontan hilft. Ein ganz anderes Aber.




Schlagwörter

Glosse, Isolde Charim, Feuilleton, Asyl

19 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-07-31 17:53:07


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Siebziger-Revival mit "Du"
  2. Wenigstens schmeckt das Meersalz nicht nach Fisch
  3. Unter Freunden
  4. Hoch hinaus
  5. "Tina wird die Welt ein bisschen besser machen!"
Meistkommentiert
  1. Wenigstens schmeckt das Meersalz nicht nach Fisch
  2. "Tina wird die Welt ein bisschen besser machen!"
  3. Oldies, but Goldies
  4. Unter Freunden


Werbung