• vom 08.09.2015, 17:20 Uhr

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Update: 09.09.2015, 09:25 Uhr

Medien

Konstruktive Nachrichten sind gute Nachrichten




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Mit einem neuen journalistischen Ansatz hat ein dänischer Journalist vergraulte Medienkonsumenten zurückgewonnen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Ulrik Haagerup ist als Chefredakteur des Dänischen Rundfunks (DR) einer der innovativsten und prominentesten Nachrichtenjournalisten Europas. Deshalb ist er ein gern gesehener Gast bei Tagungen, auch in Wien hat er seine Thesen vorgetragen.

In seinem Buch "Constructive News", das jetzt in deutscher Übersetzung im Verlag Oberauer erschienen ist, analysiert er die Ausgangslage so: "Die Leute sind krank und müde vom negativen Bild der Welt, das die Journalisten ihnen präsentieren. Die meisten Nachrichtenmeldungen sind reduziert auf Konflikt, Drama, Gauner und Opfer."


Nach dem Motto: Only bad news are good news. Sie nützen damit laut Haagerup weder der Presse noch der Gesellschaft, der sie eigentlich dienen sollten. Viele Menschen wenden sich von den klassischen Medien ab, weil sie die tägliche Anhäufung von bad newsnicht ertragen. Haagerup untermauert dies mit Ergebnissen von Meinungsumfragen und fordert einen Paradigmenwechsel. Die Medien sollen die Wirklichkeit abbilden, und diese ist weit mehr als die Aufzählung der schlechten Nachrichten des Tages. Nach diesem Grundsatz leitete er im Dänischen Rundfunk ein Umdenken ein, ja er entwickelte sogar eigene Sendungsformate, in denen konstruktive Nachrichten Platz finden. Damit hat er vergraulte Seher zurückgewonnen, der Erfolg gibt ihm recht.

Manchmal geht es nur um die Sichtweise. So habe eine Redakteurin in der Konferenz die Ergebnisse einer Umfrage referiert, wonach 60 Prozent der Dänen meinen, sie hätten ihren Traumjob. Routinemäßig wollte sie der Geschichte einen negativen Anstrich geben: Vier von zehn sind mit ihrer Arbeit nicht zufrieden. Aber angesichts der zahlreichen Berichte über Burnout wäre es doch interessanter darauf hinzuweisen, dass sich sechs von zehn keinen besseren Job vorstellen können.

Außerdem fordert Haagerup, dass seine Redakteure bei tatsächlichen bad news versuchen, konstruktive Elemente mitzuliefern. Das haben einige unserer Medien unlängst getan. Sie berichteten nicht nur über die Lage der Flüchtlinge in
Nickelsdorf und am Westbahnhof, sie gaben auch Hinweise, bei welchen Organisationen sich hilfsbereite Österreicher melden können und welche Sachspenden gebraucht werden.

Das Beispiel zeigt den Unterschied zwischen herkömmlichen und konstruktiven Nachrichten. Herkömmliche Nachrichten sind vergangenheitsorientiert, es wird berichtet, was im Laufe des Tages geschehen ist. Konstruktive Nachrichten sind zukunftsorientiert - und sie geben Hoffnung.

In einem Konflikt zwischen Lehrergewerkschaft und Regierung ließ der Dänische Rundfunk Vertreter beider Seiten unter der Leitung eines Mediators diskutieren. "Wir wollten von ihnen wissen, ob sie die andere Seite verstehen und wo sie einen Kompromiss für möglich halten. Am Ende unterschrieben sie keinen Friedensschluss im Studio, aber die Zuschauer erkannten, worum es geht."

Der ZiB2-Moderator Armin Wolf hat zur englischen Ausgabe von "Constructive News" getwittert: "Sollte Pflichtlektüre in Redaktionen und Journalismus-Schulen sein." Auch jene, die sich über die Rolle der Medien Gedanken machen, werden mit dem Buch eine Freude haben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-09-08 17:23:11
Letzte Änderung am 2015-09-09 09:25:28



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