• vom 14.11.2015, 11:00 Uhr

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Brot für Rom




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Von Mario Rausch


    Tonnen von Getreide, fässerweise Öl und etwa 500.000 Liter Wein - eine solche Menge an Nahrungsmitteln verschlang die antike Metropole Rom jeden Tag. Kein Wunder, war die Stadt doch die mit Abstand größte Ansiedlung der alten Welt mit über einer Million Bewohnern. Entsprechend schwierig war die logistische Lenkung der Versorgung der römischen Bevölkerung. Denn klappte es mit der Lebensmittelversorgung einmal nicht, war das Volk schnell auf der Straße und protestierte gegen die Obrigkeit - ein bedrohliches Szenario, das die Machthaber fürchteten. Entsprechend delikat war das Amt des praefectus annonae, der für die Gesamtlogistik, die ununterbrochene Versorgung der Stadt zuständig war.

    Für die Lieferanten und Händler war die Versorgung Roms ein lukratives Geschäft, wobei unterschiedliche Kornkammern der Antike miteinander konkurrierten: Sizilien, Africa (heute Algerien, Tunesien und Libyen) und natürlich das für seine Fruchtbarkeit legendäre Ägypten produzierten das in Rom verzehrte Getreide. Olivenöl bezog man einmal aus Andalusien, dann wieder aus Nordafrika oder auch Istrien, wo qualitativ hochwertiges Öl erzeugt wurde. Und den griechischen Wein besang nicht erst Udo Jürgens, auch so mancher römische Zecher wusste die edlen Tropfen von den Ägäisinseln zu schätzen. Der in Rom selbst gekelterte Wein galt hingegen als übler Fusel, den nur jene tranken, die sich nichts besseres leisten konnten. Ein für den Römer unersetzliches Würzmittel war "garum", eine Art Fischsoße, die laut dem Historiker Plinius "nach Verwesung stank", aber dennoch über nahezu jede Art von Speisen gekippt wurde.


    Ursprünglich war der römische Speisezettel sehr einfach gewesen: die Vorväter von Julius Cäsar und Co. hatten sich hauptsächlich vegetarisch ernährt. Die Basis bildete "puls", ein Getreidebrei aus gekochtem Emmer (Weizenart), der mit saisonal wechselnden Zutaten angereichert wurde. Erst später lernten sie backfähigen Weizen kennen und machten Brot bzw. Teigfladen zum Grundnahrungsmittel.

    Als der Volkstribun Gaius Gracchus 123 v. Chr. auf die Idee kam, dieses Korn kostenlos an die Plebs zu verteilen, war ein System der Sozialfürsorge geschaffen, das auch unter den Kaisern bestehen blieb. 35 Kilo Weizen erhielten römische Freie jeden Monat aus kaiserlichen Händen; auf maximal 200.000 legte der erste Prinzeps Augustus die Zahl der Empfangsberechtigten fest. Das waren aber nicht zwangsläufig alles Bedürftige, sondern durch Los bestimmte, freie männliche Bürger, die ihre Aufnahme in die plebs frumentaria als eine Art Adelstitel empfanden.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2015-11-12 18:11:03
    Letzte Änderung am 2015-11-12 18:14:06



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