• vom 29.11.2015, 11:00 Uhr

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Zeit für Phantasie




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Es ist dieser Tage gar nicht leicht, Zerstreuung zu finden. Wer zuletzt ins Kino ging, um sich etwa unschuldig an Explosionen und Terroranschlägen eines 007-Blockbusters zu erfreuen, musste - nach Rückkehr in die Realität - feststellen, dass die Explosionen und Terroranschläge währenddessen in Paris stattgefunden hatten. Im echten Leben. Blutiger, brutaler und grausamer, als es die James Bond-Drehbuchschreiber auszudenken vermocht hatten.

    Wer phantastische Geschichten sucht, die mit der Realität rein gar nichts mehr gemein haben, der schaut besser Werbung. Als Faustregel gilt: Je unsinniger das Produkt, umso kreativer die Branche. Im Vorspann zu "Spectre", das wieder einmal die gleiche alte 007-Geschichte mit neuen Uhren und Anzügen erzählte, lief ein Werbespot von Ford. Der Autohersteller wirbt darin für seinen legendären Sportwagen, den Mustang. Zu Klängen vom Jimmy Hendrix’ "If 6 Was 9" schwenkt zunächst eine Kamera durch Berlin, Rom, London und Paris. Alle Städte - bemerkenswerter Weise - menschenleer und autofrei. Die Kamerafahrt endet irgendwo auf einer leeren Brücke, wo der rote Mustang wartet und bald in gemeingefährlicher Geschwindigkeit davonbraust.


    Eine - vielleicht durch irgendein apokalyptisches Ereignis - lebensleere Stadt, in der man endlich ohne Rücksicht auf andere so schnell fahren kann, wie es die Motorleistung zulässt? Das ist offenbar die Vision, die Ford mit seinen potenziellen Kunden teilt. Eine Allmachtsphantasie für zu kurz Gekommene, die in der Realität wohl allzubald im morgendlichen Stau auf Lände, Westeinfahrt oder Wagramer Straße verpuffen muss. Allein - den Emotionen, mit denen Automobilhersteller ihre Produkte verkaufen, kann die Realität anscheinend wenig anhaben. Und dort, wo der phantastische Surrealismus der Werbestrategen nicht mehr ausreicht, Kaufanreize zu setzen, schaffen einfach Lobbyisten oder findige Ingenieure neue Wirklichkeiten: Den Abgasskandal von VW darf man sohin als Fortführung der Werbung mit neuen Mitteln begreifen.

    Dass jetzt die Käufer von Drei-Liter-Dieselmotoren entschädigt werden sollen, ist übrigens die nächste phantastische Geschichte. Wer einen Porsche Cayenne oder einen VW Touareg kaufte, dem waren Umweltschutz, Spritverbrauch und Abgaseentwicklung schon bisher scheißegal. Die Märchengeschichten des Konzerns trafen weniger die Autobesitzer als die Menschen, die die Abgase dieser Ungeheuer einatmen mussten. Eigentlich gehört die Gesellschaft für die Lügengeschichten der Autokonzerne entschädigt.

    Oder ist dieser Gedanke zu phantastisch?




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    Dokument erstellt am 2015-11-26 17:47:05



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