• vom 15.12.2015, 16:27 Uhr

Glossen

Update: 16.12.2015, 10:04 Uhr

Glosse

Hotspots - ein Ausdruck mit Brisanz




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Die Flüchtlingsströme sollen nach den Vorstellungen der EU kanalisiert und in geordnete Bahnen gelenkt werden.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Genau genommen ist es kein neues Wort, sondern ein altes Wort mit einer neuen Bedeutung. Schlägt man im elektronischen Duden nach, so kann man lesen, dass es sich bei Hotspot um einen Fachbegriff aus der Biologie handelt. Gemeint ist eine einzelne Stelle eines Gens, an der besonders häufig Mutationen auftreten. Geologen verstehen unter Hotspot etwas anderes: eine hypothetisch begrenzte Schmelzregion im Erdmantel unterhalb der Lithosphäre. Für die EDV-Experten ist Hotspot zweierlei: ein farblich hervorgehobener Text auf einer Bildschirmseite, der einen Link markiert, oder ein Ort, an dem es einen öffentlichen drahtlosen Internetzugang gibt. Nicht zuletzt hat das Wort noch eine allgemeine Bedeutung: etwas, das ein hohes Konfliktpotenzial in sich birgt; etwas, das von großer Brisanz ist. Wörterbücher hinken dem Sprachgebrauch hinterher. Dies gilt auch für Online-Wörterbücher, obwohl diese ja praktisch jederzeit aktualisiert werden könnten. Ich bin neugierig, wann auf Duden-Online jene Bedeutung von Hotspot vermerkt sein wird, die heute in der Berichterstattung der Medien die häufigste ist: ein zentraler Ort, wo ankommende Flüchtlinge registriert und innerhalb der EU verteilt werden. Die EU will bis Ende dieses Jahres an elf Orten in Griechenland und in Italien derartige Aufnahmezentren einrichten. Auf diese Weise sollen die Flüchtlingsströme an den Außengrenzen kanalisiert und die ungesteuerte Zuwanderung in geordnete Bahnen gelenkt werden. Außerdem soll vermieden werden, dass sich jene Menschen auf eine Reise quer durch Europa machen, die keine Chance auf eine positive Erledigung ihres Asylantrags haben. Die Organisation der Hotspots übernehmen die nationalen Behörden mit Unterstützung der Europäischen Asylagentur EASO, der Grenzschutzagentur Frontex und Europol. Bisher gibt es zwei der elf geplanten Hotspots: einen auf der Mittelmeerinsel Lampedusa und einen auf der griechischen Insel Lesbos. Hotspots bergen ein Konfliktpotenzial in sich, und siehe da - damit sind wir bei einer bereits eingespielten Bedeutung. Die Wochenzeitung "Die Zeit" wies darauf hin, dass viele Flüchtlinge nicht bereit sind, ihre Fingerabdrücke abzugeben. Doch ohne den Abdruck ist eine Registrierung und Verteilung auf andere EU-Staaten nicht möglich. Auch eine Rückführung wird so erheblich erschwert. Soll ein "verhältnismäßiges Maß an Gewalt" angewendet werden, wie es ein hochrangiger Beamter des italienischen Innenministeriums formulierte? Sollen Flüchtlinge notfalls in Gewahrsam genommen werden, wenn sie sich weigern, ihren Fingerabdruck abzugeben? Oder sollen diese Flüchtlinge abgeschoben werden? Wohin, wenn ihre Identität unklar ist? Fragen über Fragen. Dennoch ist für mich eines klar: Ohne Hotspots geht es nicht. Die Verantwortlichen sollten alles tun, damit alle elf Verteilzentren so rasch wie möglich funktionieren. Wie klein erscheint im Vergleich dazu die Diskussion um die "baulichen Maßnahmen" zwischen Österreich und Slowenien im Bereich von Spielfeld. Wer suggerieren wollte, dass Österreich mit einem Zaun abgeschottet werden kann, ist inzwischen als Populist entlarvt.





3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-12-15 16:32:03
Letzte Änderung am 2015-12-16 10:04:34



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. It was 100 Years ago today
  2. Überflüssige Ski-WM
  3. Nicht die Inszenierungen sind krank, das Publikum ist es
  4. Hörende Herzen
  5. Denkwerk Zukunftsreich
Meistkommentiert
  1. Diskriminierte Diskriminierer
  2. It was 100 Years ago today
  3. Das Internet wird nicht zum Weltnetz, sondern zum Netz
  4. Vorgeschmack auf den Brexit
  5. Ist Nichtraucher zu sein ein Asylgrund?

Werbung




Werbung