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Update: 21.01.2016, 10:41 Uhr

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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Oft wird auch dort Englisch geredet, wo es gar nicht notwendig ist. Ein Plädoyer für sprachliches Selbstbewusstsein.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Ein ORF-Redakteur, der häufig als Nebenbeschäftigung Diskussionen von Firmen oder von wissenschaftlichen Organisationen moderiert, erzählte unlängst einer Gruppe von Germanisten, wie merkwürdig manche dieser Veranstaltungen ablaufen. "Es war eine Tagung in Wien, alle am Podium sprachen Englisch, obwohl Deutsch ihre Muttersprache war. In der Pause warf ich die Frage auf, warum nicht Deutsch gesprochen wird. Es waren ja Dolmetscher da, die ins Englische übersetzen konnten - für jene im Plenum, die nicht Deutsch verstanden. In der zweiten Hälfte der Veranstaltung wurde mein Vorschlag realisiert. Ich hatte den Eindruck, dass alle erleichtert waren."

Auch eine Dolmetscherin, die in Brüssel bei der EU arbeitet, klagte mir ihr Leid. "Manche deutschsprachige Abgeordnete glauben beweisen zu müssen, dass sie Englisch können. Also radebrechen sie auf Englisch, und wir haben dann große Mühe, ihre Aussagen ins Deutsche zu übersetzen."


Damit kein Missverständnis entsteht: Jeder Wissenschafter, jeder Politiker sollte im Englischen firm sein. Ich bin mir auch dessen bewusst, dass Englisch heutzutage die Lingua franca ist. Aber wenn wir alle anfangen, miteinander Englisch zu reden, dann leidet unsere Kommunikationsfähigkeit: Jeder kann sich in seiner Muttersprache nuancenreicher ausdrücken als in einer Fremdsprache.

Ein drittes Beispiel aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz. Für mein eben erschienenes Buch "Die Kulturgeschichte des Tarockspiels" kontaktierte ich einige Male meinen englischen Freund John McLeod. Er betreibt die grandiose Website papagt.com, auf der nahezu alle Kartenspiele der Welt dokumentiert sind. Wenn wir schriftlich miteinander kommunizieren, schreibt er auf Englisch und ich schreibe auf Deutsch - obwohl er ausgezeichnet Deutsch spricht und ich von mir behaupten kann, gut Englisch zu sprechen.

John will im Sommer in den Lungau fahren, um die dortige Variante des Tarockspiels kennenzulernen. Ich habe ihm angeboten, einen Kontakt zu einem meiner Freunde aus dem Lungau herzustellen. In diesem Moment erinnerte sich John offensichtlich sofort an mühevolle Mail-Konversationen mit anderen Österreichern. Er schrieb zurück: "If he speaks English, then the same arrangement that I have with you, where we each write in our own language, would be ideal."

Man könnte auch noch einen Schritt weitergehen und sagen: Wenn ein Ausländer in Österreich einen Posten annimmt, zu dem die Kommunikation mit der Öffentlichkeit gehört, dann soll er Deutsch lernen. Mir gefällt die gelebte Praxis bei Bayern München. Da engagierten sie einen der prominentesten Trainer der Welt, Pep Guardiola - und er nahm Deutschunterricht. Der nächste Trainer wird Carlo Ancelotti heißen. Der Italiener beginnt dort in einem halben Jahr, er lernt zurzeit Deutsch.

Vor kurzem hat auch der österreichische Fußballmeister Red Bull Salzburg einen neuen Trainer verpflichtet, einen nicht ganz so prominenten Spanier. Bei der ersten Pressekonferenz hieß es noch: Jaja, irgendwann werde er schon Deutsch lernen. Und jetzt lese ich in den Zeitungen: "Bei Red Bull Salzburg wird von nun an Englisch gesprochen."




Schlagwörter

Glosse, Feuilleton, Sprache

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-01-19 16:35:07
Letzte Änderung am 2016-01-21 10:41:05


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