• vom 09.02.2016, 16:37 Uhr

Glossen

Update: 10.02.2016, 10:08 Uhr

Glosse

Lei-Lei, Miau-Miau und Neu-Neu




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Die Narrenrufe der Faschingsgilden sind identitätsstiftend und dienen der Abgrenzung gegenüber den Nachbarn.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Der Faschingsdienstag ist überstanden, und damit auch die ORF-Sendung "Villacher Fasching", die Höhepunkte des Programms der Villacher Faschingsgilde. Lustiges und weniger Lustiges wird mit einem schallenden "Lei-Lei" jährlich auf das Fernsehpublikum losgelassen.

Fast jeder größere Ort hat seinen eigenen Narrenruf, dies ist identitätsstiftend und dient der Abgrenzung vor allem gegenüber den Nachbarn. Während die Villacher "Lei-Lei" rufen, haben sich die Klagenfurter für ein merkwürdiges "Bla-Bla" entschieden.

Auf der Website des "Bundes Österreichischer Faschingsgilden" sind allein für Niederösterreich mehr als 30 Narrenrufe vermerkt: von "Miau-Miau" (Felixdorf) über "Neu-Neu" (Neulengbach und Neukirchen) bis "Ohe-Ohe" (Herzogenburg) und "Mau-Mau" (Mautern).

Den Abgrenzungsmechanismus hat die Kölnerin Carolin Kebekus in einem Kabarettprogramm treffend persifliert. Sie singt in einem Trio, das sich "The Beer Bitches" nennt, eine kölsche Coverversion von Adeles Hit "Hello". Es dürfte der heurige Karnevalshit in Deutschland sein, vermutete "Die Welt".

Kebekus besingt einen Mann, der binnen Sekunden unattraktiv wird, weil er statt der Kölner Karneval-Floskel "Alaaf" das verpönte "Helau" ruft. Das Lied ist im ripuarischen Dialekt verfasst, hier die Übersetzung: "Manchmal ist es ja so, du denkst, du hast einen Guten gefunden, er ist wunderschön, er ist talentiert - am Glas (...) Aber dann kommt die Karnevalszeit, und dann sagt er genau das falsche Wort: ,Helau!‘ Das sagt man nicht! Ich komme aus Kölle-Ehrenfeld, und dort sagt man ,Alaaf‘!"

Die schauspielerische Leistung der drei Damen ist bemerkenswert. In einem am Rosenmontag auf YouTube veröffentlichten Video strahlen ihre Gesichter eine Mischung aus Ekel, Ärger und Enttäuschung aus. Und sie singen perfekt wie Adele.

Viele Narrenrufe sind recht alt. "Rund um den Helau-Alaaf-Äquator zwischen Köln und Düsseldorf kommt es immer wieder zu Verschmelzungen wie ,Allau‘ und ,Helaaf‘," schreibt die "Frankfurter Allgemeine". "Alaaf" ist eine Kurzform von "Kölle alaaf" - mit der Bedeutung: Köln über alles. Die Düsseldorfer und Mainzer können die Herkunft ihres Narrenrufs hingegen nicht so genau erklären. Der älteste Nachweis von "Helau" stammt überraschenderweise aus Tirol, es ist ein Beleg aus dem Jahr 1603.

Leicht zu erklären ist der Villacher Narrenruf. "Lei" ist ein Wort, das nicht nur in Kärnten, sondern auch in Tirol sowie in Teilen Salzburgs verwendet wird. Es bedeutet: nur, bloß. "Tirol is lei oans, is a Landl a kloans, is a schians, is a feins, und dös Landl is meins", heißt es in einem volkstümlichen Lied.

Universitätsprofessor Heinz-Dieter Pohl weist mich auf einen Kärntner Beleg aus dem Jahr 1862 hin: "Bin a lustiger Bua, bin a Karner lei lei, wo a scheans Dirndle is, is der Karner dabei." Karner ist ein altes Wort für den Kärntner. Etwa zur gleichen Zeit schreibt ein Kärntner Autor, "Karner lei-lei" sei "ein Spottausdruck für uns Kärntner". Vermutlich hat auch eine Redewendung eine Rolle gespielt, die für die Kärntner Mentalität typisch sein soll: "lei losn": nur nicht aufregen, nur nicht anstrengen.





4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-09 16:41:04
Letzte Änderung am 2016-02-10 10:08:29


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Aus alt mach neu!
  2. Echt jetzt?
  3. Mein Fehler!
  4. Liebe mit der Erde machen
  5. Antike Comicstrips
Meistkommentiert
  1. Versunkene Wortschätze
  2. Vorweihnachtszauber
  3. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt
  4. Die neue Art, Gesellschaft zu verstehen
  5. Digitales Verdummungsverbot

Werbung




Werbung