• vom 12.02.2016, 18:13 Uhr

Glossen

Update: 15.02.2016, 10:50 Uhr

Glossenhauer

Dada rules




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Von Severin Groebner

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  • Passen Sie auf: Die nächste gute Pointe lauert womöglich ums Eck.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Dada ist dieser Tage 100 Jahre alt. Und man merkt, wie sehr sich diese Kunstform des abstrusen Humors in unserem Alltagsleben ausgebreitet hat. Unendlicher Spaß, wohin man schaut: Richard Lugner will Präsident werden (lustig), die Grazer Staatsanwaltschaft glaubt, dass befreite KZ-Häftlinge eine "Belästigung für die Bevölkerung" waren (köstlich), und beim Faschingsumzug in Maissau fährt ein Wagen mit dem Nummerntaferl "Asyl 88" mit (i hau mi o). Ja, es zeigt sich klar: Dada ist überall. Der Fasching hört nicht mehr auf. Die Satire regiert die Welt!

Doch da melden sich schon die Bedenkenträger zu Wort: Geht das denn? Darf die Satire das?


Ich glaube, ich habe es schon einmal gesagt: Die Satire darf gar nichts. Die Satire muss. Und zwar alles. Die Satire ist das Laserschwert der Wehrlosen, die Haubitze der Ohnmächtigen, die Trutzburg der Ungeschützten. Der Satiriker spuckt in alle Richtungen, verschont niemanden und auch sich selbst nicht.

Das unterscheidet ihn von Baumeister Lugner. Der wirft sich zwar in die Pose des Kasperls, seine Frau gibt ihm lustige Namen ("Volksmensch" - was das auch immer sein mag), und doch übersieht er etwas: Selbst wenn man meint, die unbesiegbare Hauptfigur inmitten eines Kasperltheaters zu sein ("Der Kasperl gwinnt immer!" - Richard Lugner), übersieht man dabei, dass er wie alle anderen Figuren in diesem Theater von unsichtbaren Händen gespielt wird. Und eine Puppe bleibt eine Puppe. Selbst mit einem Pupperl an der Seite.

Und auch unfreiwillige Pointen sind noch keine Satire. Denn auch wenn der Mann in Graz, der die Ermittlungen gegen die Zeitschrift "Aula", die ehemalige KZ-Insassen als "Massenmörder" tituliert hatte, nicht weiterführen lässt, den Titel "Rechtsschutzbeauftragter" trägt, dann ist das zwar am Punkt . . . aber wirklich lustig ist das nicht.

Auch die Maissauer "Narren" sind nicht satirisch. Die haben vielleicht eine "Hetz" gehabt, aber das heißt nicht, dass sie auch Humor haben. Denn die "Hetz" kommt aus Wien und von der "Hetze". Der Tierhetze, um genau zu sein, bei der man Hähne, Hunde oder anderes Getier in einem Hetztheater aufeinander eben "gehetzt" hat. Die Hetzgasse im 3. Bezirk hat davon ihren Namen.

Bei der "Hetz" belustigt man sich also an der Gewalt. Und die Hetze ist so auch die Vorstufe zur Gewalt. Hier lacht man, weil man sich schon freut, dass gleich das Blut fließen wird. Hier lacht man aus Hohn, Selbstüberschätzung und mit feuchten Händen, die man bald um eine Feuerwaffe schließen möchte. Hier lacht man verschmitzt. Und verschwitzt.

Im Gegensatz zur "Hetz" sind der Humor und die Satire immer pazifistisch. Die Satire zeigt den Verhältnissen die Zunge und erleichtert sich so. Sie ist immer der Ersatz für Gewalt, hier lässt man Luft ab und macht sich über Dinge lustig, die man nicht - oder nur mit Gewalt - ändern könnte. Man lacht befreit.

Und dennoch gibt es noch etwas, das viel größer, gemeiner, böser und witziger ist als alles andere. Oder wer hätte sich ausdenken können, dass zwei christliche Kirchenführer sich für ihr Versöhnungstreffen ausgerechnet eines der letzten kommunistischen Länder dieser Welt aussuchen? Ha!

Also echt, diese Wirklichkeit ist so dada.




Schlagwörter

Glossenhauer, Satire, Humor, Dada

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-12 18:17:08
Letzte Änderung am 2016-02-15 10:50:03


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