• vom 10.07.2016, 11:00 Uhr

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Dadaistische Wanderung




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geb. 1959 lebt als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin in Mils.

    Irene Prugger, geb. 1959 lebt als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin in Mils. Irene Prugger, geb. 1959 lebt als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin in Mils.

    Vor vielen Jahren veranstaltete ein österreichisches Theater eine Wanderung auf einem Dada-Parcours, der durch einen stillen Wald zu einem kleinen See führte und weiter zum angrenzenden Marktstädtchen. Auf mehreren Stationen gab es Texte zu lesen und Objekte zu betrachten, Schauspieler boten kurze dadaistische Szenen dar. Die Zuschauer fuhren mit einem Bus zum Veranstaltungsort, gewandert wurde gemeinsam. Leider traf ich nicht pünktlich zur Abfahrt ein, fuhr mit dem eigenen Auto nach und machte mich allein auf den Weg, wobei ich hoffte, die Gruppe bald einzuholen. Ich hatte ungefähr eine Dreiviertelstunde Rückstand, rechnete aber bei der Wanderung der Zuschauer mit Zeitverzögerungen.

    Am Beginn des Waldwegs offerierte eine Tafel einen dadaistischen Text, ich war also auf der richtigen Spur. Ein Stück weiter hing ein gestrickter Socken von einem Ast. Ob er zur Inszenierung gehörte, konnte ich nicht erkennen. Beim Waldsee war kein Mensch zu sehen, aber ich hatte das betreffende Objekt sofort im Blick. Neben einem Schilfgürtel mit angebundenem Ruderboot trieb ein Ball im Wasser. Ein blau-weißer Wasserball - mit leichter Schlagseite und nicht mehr ganz prall gefüllt, navigierte ihn der Wind über die Seeoberfläche. Ein schönes, poetisches Bild. Der Ball trug eine Aufschrift, die ich von meinem Standplatz nicht entziffern konnte. Also arbeitete ich mich entlang des Ufers näher heran und wurde enttäuscht: NIVEA.


    Sponsorwerbung oder verschlüsseltes Anagramm? Ein versteckter Gruß, AVE irgendwas? Oder ein Hinweis auf den Namensursprung: "Die Schneeweiße?" Das hätte Sinn gemacht, vielleicht zu viel Sinn, denn kurz danach begegnete mir eine stark geschminkte Frau mit weißem Haar und einem weißen Pudel an der Leine. Die Frau bewegte sich ein wenig somnambul und nickte einen kurzen Gruß. Gehörten die beiden dazu? Keine Ahnung! Die Kunstrichtung Dadaismus bleibt für immer rätselhaft. Schließlich steht sie für den Versuch, Vorstellungen und Erwartungen ad absurdum zu führen.

    Die Gruppe holte ich erst am Eingang zum Marktstädtchen ein, wo die Zuschauer eine Auseinandersetzung zwischen zwei Männern verfolgten, wobei der eine mit seinem Einkaufswagen einen parkenden Sportwagen gestreift hatte. Zuerst erschien das amüsant, aber Dialog und Auflösung waren enttäuschend, und mir wurde bald bewusst, dass ich bei der falschen Veranstaltung war. Da lief mir ein Bekannter über den Weg, der meinte, die Vorstellung, zwei Straßenzüge weiter, sei soeben zu Ende gegangen, jene mit Schauspielern am See hätte ihm aber besser gefallen.

    Dass ich Alltagsszenen für Inszenierungen gehalten hatte, war gewiss im Sinne der Organisatoren, denn die Trennung von Leben und Kunst war dadurch aufgehoben. Wenn ich in Zürich Veranstaltungen zum 100-Jahr-Dada-Jubiläum besuche, achte ich trotzdem darauf, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2016-07-08 14:11:08
    Letzte Änderung am 2016-07-08 14:14:07



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