• vom 16.07.2016, 11:00 Uhr

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Klimawandel im Lauf der Zeit




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Von Mario Rausch


    Die Bewohner Englands hatten es gut: Um an begehrte mediterrane Produkte wie Oliven oder Wein zu gelangen, brauchten sie nur in der unmittelbaren Nachbarschaft einzukaufen, denn im nördlichen Europa wuchs vor 2000 Jahren so manches, was man viel weiter im Süden vermuten würde. Der römische Historiker Tacitus etwa weiß von rund 500 Weinbergen zu berichten, auf denen man zu seiner Zeit in England geerntet haben soll. Möglich machten dies klimatische Faktoren, die heutige Forscher unter dem Begriff "Klimaoptimum" zusammenfassen: Eine vergleichs- weise hohe Durchschnittstemperatur und ein idealer Mix aus Niederschlag und Sonnenschein führte zu reichen Ernten im gesamten römischen Machtbereich.

    In der eigentlichen Kornkammer des Reiches, im Niltal, führten damals - Klimaforscher sprechen von der Periode zwischen 30 vor und 155 nach Christi - regelmäßig die für die Bewässerung der Felder notwendigen Überschwemmungen zu reichen Ernten, die den Römern das Brot zu den Spielen sicherten. Vielleicht war es kein Zufall, dass die größte Ausdehnung des Römischen Reiches ausgerechnet in diesen Zeitraum fiel: von 98 bis 117 n. Chr. regierte Kaiser Trajan, der römischen Gelehrten später als der beste aller Herrscher, als optimus galt - gewissermaßen ein optimaler Kaiser im Klimaoptimum.

    Wie warm genau es in römischer Zeit war, ist nicht entschieden. Bohrungen in die Vergangenheit (in Baumringe oder Bodensedimente) geben keine Gewissheit. Und die Gletscherausdehnung bleibt ein unsicherer Indikator, weil hierbei der Regen mitspielt.

    Sicher ist jedenfalls, dass es ab dem 3. Jahrhundert deutlich ungemütlicher wurde: das 500 Jahre währende "Klimapessimum" des Frühmittelalters sorgte für dramatische Veränderungen der politischen Verhältnisse: Zum einen blieben die guten Ernten in Nordafrika und in der römischen Heimat selbst aus, der Wohlstand war Vergangenheit. Zum anderen verschlechterte die Klimaabkühlung das Leben weiter im Norden und Osten Europas drastisch. Sie war einer der Gründe für die große Völkerwanderung, die nun einsetzte. Goten, Franken und Vandalen drangen auf römisches Reichsgebiet vor, ihrerseits getrieben von den Hunnen, die wiederum vor Asiens rauerem Klima flohen.

    Erst unter Karl dem Großen wurde das Klima milder: Das "Mittelalterliche Optimum" sorgte in Mitteleuropa für einen wirtschaftlichen Aufschwung, der sich in der Gründung neuer Städte niederschlug. Doch schon litt mancher unter den hohen Temperaturen; so wird für das Jahr 1022 berichtet, "dass viel Leut’ umb Nürnberg auff den Strassen vor großer Hitz verschmachtet und ersticket, auch sein viel Brunen vor großer Hitz versieget".

    Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie/Alte Geschichte, lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-07-15 15:38:04
    Letzte Änderung am 2016-07-15 16:18:26


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