• vom 31.07.2016, 16:00 Uhr

Glossen


Matthias G. Bernold

Konsumkasperln




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    "Un polichinelle dans le tiroir" - ein Kasperl in der Schublade: Mit dieser Metapher beschreiben die Franzosen das ungeborene Kind, das rappelt und zappelt, als könnte es nicht erwarten, die Welt von der anderen Seite zu sehen. Die Welt von der anderen Seite, der Zwerg sei gewarnt, ist eine von Konsumkultur und Kapitalismus bestimmte.

    Information

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Bereits zu dem Zeitpunkt, als der Mensch kaum mehr ist als ein Zellhaufen, kommen die ersten Offerte. Willst du den NIPT-Test, um genetische Defekte mit Sicherheit auszuschließen? (Kostenpunkt 900 Euro.) Günstig, wenn man bedenkt, dass hierfür das Blut der Mutter nach Kalifornien fliegt. Interessierst du dich für eine Vollbetreuung durch eine Hebamme deiner Wahl? (Ab 2000 Euro). Darf es wenigstens ein schickes, koloriertes Ultraschall-3D-Bild deines Sprösslings sein?

    Die von der Krankenkasse vorgeschriebene Erstunterhaltung mit der Hebamme ist vor allem ein Verkaufsgespräch: Akupunktur vor der Geburt? ("Kann ich Ihnen sehr empfehlen", 80 Euro.) Ein Crash-Kurs in Homöopathie? ("Hilft durch die härtesten Wehen", 120 Euro). Schwangerschaftsyoga, Meditationen, Stillberatung - gibt’s auch im Dreier-Paket. Ein aufblasbarer Propfen für das PC-Muskeltraining der Gattin? ("Kann den Damm-Schnitt verhindern", ab 150 Euro.)

    Wir erwidern, dass wir jetzt gerne mehr über den Geburtsvorgang sprechen wollen und weniger über Angebote. Ist wohl möglich, sagt die Hebamme, aber ihr Blick, gekränkt, bedeutet einen entsetzlichen Verdacht: Dieser Mann ist herzlos und geizig. Was soll aus dieser Mutter, diesem Buben werden, wenn bereits vor der Geburt gespart wird?

    Beim Elternvorbereitungskurs (150 Euro pro Paar) sitzen wir mit 15 anderen Paaren in einem engen Raum, dessen Fußboden zur Gänze mit Matratzen, Sitzbällen und Polstern ausgelegt ist. Die hochschwangeren Frauen halten sich die Bäuche, sie sitzen auf den Matratzen, bequem zurück gelehnt, hinter ihnen die Männer. Es wird gekuschelt. Auch beim Vortrag der Chefin des "Mütterstudios" spielt das Geschäft eine wichtige Rolle. Die Hebamme schwört auf mitwachsende Still-BHs und eine biologische Kosmetikserie, die Damm-, Bauch-, Brust- und Babyöle vertreibt: "Hier haben Sie keine Probleme mit Hautreizungen. Sie können die Produkte auch gleich bei uns bestellen."

    Nach zwei Tagen werden die Paare und deren ungeborene Kinder in die Zukunft entlassen und bekommen drei Schuhkarton-große Plastikköfferchen mit auf den Weg: Darin stecken Windeln, Flascherln, Proben mit Säuglings-Nahrung, Broschüren über Lebens- und Gesundheitsversicherungen und familiengerechtes Wohnen. Das Papa-Paket enthält eine Auto-Zeitschrift und einen Energy-Drink. Aber der Inhalt ist ja eigentlich egal. Wichtiger ist die Botschaft: Jetzt geht es erst richtig los . . .






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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-07-29 15:05:05
    Letzte Änderung am 2016-07-29 15:54:26


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