• vom 28.08.2016, 11:00 Uhr

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In Zeiten des Misstrauens




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Von Hermann Schlösser


    Hermann Schlösser ist Redakteur der "extra"-Beilage.

    Hermann Schlösser ist Redakteur der "extra"-Beilage. Hermann Schlösser ist Redakteur der "extra"-Beilage.

    Wenn mich auf der Straße jemand nach der Uhrzeit fragt, habe ich insgeheim die Befürchtung, das wäre nur eine unverfängliche Gesprächseröffnung, und das wahre Anliegen bestände darin, von mir Geld zu erbitten. Wenn mich wirklich jemand anbettelt, schaue ich mich sorgfältig um, weil ich die Möglichkeit erwäge, dass ein Komplize des Bettlers hinter mir steht und meine Aktentasche leerräumt. So könnte ich nun weiter hochrechnen: Würde ich bestohlen, sähe ich im Taschendieb meinen potentiellen Mörder und dergleichen mehr. Immer mit dem Schlimmsten rechnen - das scheint eine Devise unserer Zeit zu sein, von der ich offenbar auch eingeschüchtert werde.

    In früheren Jahrzehnten war ich nicht so ängstlich. Ganz im Gegenteil: Ich lebte in der arglosen Vorstellung, wenn ich zu den Menschen freundlich wäre, täten sie mir bestimmt nichts Böses. Dieses Modell hat leider nicht immer funktioniert. Ich erinnere mich an einen Bekannten, dem ich Geld geliehen hatte, das er mir nicht und nicht zurückgab.


    Nach mehrmaligen Mahnungen erklärte ich, wenn er jetzt nicht zahlte, würde ich Anzeige erstatten. Worauf er abfällig sagte: "So gemein bist du nicht!" Da hatte er recht, ich war tatsächlich nicht so gemein, und habe mein Geld niemals bekommen.

    Ich ließ mich durch diese schäbige Geschichte nicht aus dem Konzept bringen. Ich dachte nur, "naja, das ist ein Einzelfall, den man nicht verallgemeinern darf. Die meisten Menschen sind solidarisch, human und fair". Also sah ich keinen Grund, an meiner Überzeugung zu zweifeln, und rechnete weiterhin nur mit dem Besten.

    Wir reden hier von den 1970er Jahren, in denen man auf Reisen bei Freunden von Freunden anrufen konnte, die man noch nie gesehen hatte, um zu fragen, ob man zwei Tage bei ihnen wohnen könnte - was meistens problemlos möglich war. Solche Erlebnisse konnten einen schon dazu ermutigen, im Prinzip auf die wechselseitige Hilfsbereitschaft unter den Menschen zu ver-
    trauen.

    Heute sehe ich das skeptischer, und da bin ich nicht der Einzige. Viele Menschen sind in den letzten Jahren misstrauisch geworden. Sie verschließen ihre Türen und ihre Herzen und vermuten hinter jedem noch so gut gemeinten Angebot einen Haken oder eine Finte, als ob sich die derzeitige Gesellschaft nur aus Lügnern zusammensetzen würde. Diese vorgefasste misanthropische Überzeugung ist schwer korrigierbar - genau wie seinerzeit mein allzu positives Vorurteil.

    Aber vielleicht sollten wir uns auf den unmittelbaren Augenschein eher verlassen als auf Weltanschauungen. Man kann einem Menschen nämlich anmerken, ob er es ehrlich meint oder nicht. Man darf sich dabei nur nicht durch die Angst irritieren lassen, hinter jeder Zuwendung stecke etwas Ungutes. Panisches Urmisstrauen ist so kurzsichtig wie bedenkenloses Urvertrauen. Denn neben den Betrügern gibt es auch heute noch Menschen genug, die wirklich nur wissen wollen, wie spät es ist, wenn sie sich nach der Uhrzeit erkundigen.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-08-25 17:59:03
    Letzte Änderung am 2016-08-25 18:02:05


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